Auch Äbte sind nicht frei von Ehrgeiz
Geschrieben von Dienstag, 10 Mai 2011 - 11:50

Gespielt: Biblios


Neben den obligatorischen mittelalterlichen Städten scheinen auch die Klöster jener rauen Zeiten eine magische Anziehungskraft auf Spieleautoren und –redakteure zu besitzen: Horte des Wissens, Schätze alter Geheimnisse und dunklen Schreibstuben früher Literatur. Da fallen mir spontan eine Hand voll alter und neuer Titel zu ein: Das Geheimnis der Abtei, Monastery, Die Abtei der Wandernden Bücher, Der Name der Rose.

Mit Biblios hat Iello das vielfach gelobte Scripts & Scribes von Steve Finn ins Programm genommen und komplett neu aufgezogen – wenn auch nicht spielerisch, dann doch zumindest grafisch. In Nürnberg hatte ich die Gelegenheit, ein Exemplar mitzunehmen. Und wie das pfiffige Kartenspiel bei uns ankam, will ich euch natürlich nicht vorenthalten.

Biblios setzt uns auf den Stuhl eines klösterlichen Abts. Und weil Äbte auch nur Menschen sind und nicht gänzlich weltlicher Laster entsagen können, wollen wir voller Ehrgeiz eine Bibliothek im Superlativ haben. Bei uns sollen die coolsten Mönche die wertvollsten Pigmente zur Illumination benutzen und natürlich die heiligsten Bücher, die verbotensten Schriften und die schlausten Manuskripte kopieren. Wir wollen Siegpunkte. Je mehr, desto besser. Und wenn wir dafür in die Hölle kommen.
Dazu gibt es bei Biblios fünf farblich unterschiedliche Kategorien, die Siegpunkte bringen. Wer bei Spielende die meisten Punkte in einer Kategorie vorweisen kann, der bekommt deren Siegpunkte. Das sind zu Beginn jeweils drei, kann sich aber im Spielverlauf ändern.


Für ein Kartenspiel ist Biblios verblüffend vielschichtig: Gespielt wird in zwei Teilen. Im ersten Teil werden die Karten verteilt, im zweiten versteigert.
Wer am Zug ist, der zieht so viele Karten, wie Spieler plus eins am Tisch sitzen. Er kann eine Karte an sich nehmen, eine zur späteren Auktion beiseite legen und die anderen für die anderen aufdecken. Das Problem: Es findet seriell statt. Der Spieler zieht also eine Karte und entscheidet erst, was er damit macht, bevor er die nächste zieht. Das fordert Entscheidungen: Was behalte ich, was gönne ich den anderen und was soll im zweiten Teil versteigert werden. Wir rüsten uns hier also aus, um mit dieser Hand in Teil 2 erfolgreich zu sein.
Zwei Sätze zwischendurch zu den Karten: Es gibt Karten mit Werten von 2 bis 4 in den Kategorien Mönch und Pigmente, sowie Karten mit Wert 1 oder 2 in den Kategorien Heilige Schriften, Manuskripte und Verbotene Bücher. Dazu Goldkarten mit Wert 1 bis 3.
In zweiten Teil werden alle beiseite gelegten Karten gemischt und reihum versteigert. Bezahlt wird normalerweise mit Goldkarten, Goldkarten aber kauft man durch Ablegen beliebiger Karten. Fies: Selbstverständlich darf man utopische Beträge bieten in der Hoffnung, dadurch einem Konkurrenten das Gold aus der Nase (oder Hand) zu ziehen. Wer sich aber zu weit aus dem Fenster lehnt, weil plötzlich alle abspringen, der muss zufällig gezogene Karten abwerfen.
Am Ende zeigen schließlich alle, was sie haben: Wer die meisten Punkte in einer Kategorie hat, bekommt die ihr entsprechenden Siegpunkte.

Das klingt alles sehr komplex. Das ist es auch. Und um die Sache noch umfangreicher zu gestalten gibt es noch die Kirchenkarten. Wer eine erhält (durch Nehmen in Teil 1 oder Ersteigern in Teil 2), darf die Wertigkeit der Kategorien manipulieren. Das ist gefährlich, aber lohnend, wenn nicht gar spielentscheidend. Greift sich ein Spieler auffällig viele Karten einer Farbe, drücken ihm die Mitspieler die Siegpunkte dafür runter. Dreht er eine Farbe hoch, können die anderen diese Kartenfarbe abwerfen und sich voll auf alle anderen konzentrieren oder diese Farbe gemeinsam und gnadenlos wieder abwerten. Wer Glück hat, dem steigert ein Mitspieler, der sich gute Chancen einbildet, die Siegchancen, weil er nicht weiß, dass du die wertvolle 4-Punkte-Karten hast, die dir den entscheidenden Vorsprung gibt. Oder hat er auch eine? Warum ist er sich nur so sicher? Oh oh.

Es gilt also, möglichst unauffällig und bedachtsam die eigenen Kategorien zu verbessern und gut aufzupassen, was die anderen sammeln. Erstaunlich, was alles in einem Kartendeck stecken kann (die Würfel lasse ich außen vor, das sind nur Punkteanzeiger): Bluffen, Auktionen, harte Entscheidungen und Zocken, dazu eine saubere Mischung aus Glück und Strategie. Interaktion. Offene und verdeckte Informationen. Man kann schon ein wenig rechnen, um sich die eigenen Chancen durchzukalkulieren, aber weil zu Beginn jeder Partie zufällige Karten nicht mitmachen, können wir auch hier nicht hundertprozentig sicher sein.
Biblios ist wieder ein kleines Spiel mit großem Effekt, dazu in einer netten Schachtel im Buchdesign zum Aufklappen. Die Karten sind groß und ansprechend illustriert, allerdings etwas arg glänzend. Nach einer Partie hatten sie mehr Fingerdapser drauf als ein iPhone mit Schlagzeug-App. Das Thema ist spürbar aufgesetzt und überzeugt nicht völlig, rechtfertigt aber die schöne grafische Umsetzung. Das Spiel ist erstaunlich schnell durch, da lügt die Schachtel mit der Angabe von 30 Minuten nicht. Als Starter oder Absacker also sicherlich prima, wenn auch mit spielerisch hohem Cholesteringehalt. Und vor allem eines der wenigen Spiele, die zu dritt wirklich am besten sind.

Bleibt zu hoffen, dass Biblios eine Chance auf dem deutschen Markt bekommt. Bisher gibt es nämlich nur die französische und englische Version. Weil das Material aber sprachunabhängig ist, kann jeder Interessierte zugreifen, sollte er Biblios über den Weg laufen. Die englischen Regeln kann man hier runterladen.

Biblios ist ein Spiel von Steve Finn
Erschienen bei Iello
Für 2 bis 4 Äbte ab 12 Jahren
Preis: Rund 20 €

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