
Doppelter Eiertanz
Geschrieben von Guido Mittwoch, 2 November 2011 - 11:28
Beweis: Ei war vor dem Huhn da
Dass in unserer schönen, lieben und freundlichen Szene gerne auch mal beim Nachbarn abgekupfert wird, merkt man in der letzten Zeit immer öfter. Sei es auf Grund von Unkenntnis oder eines willentlichen Akts, eine Sache ist deutlich spürbar: Je internationaler die Szene wird, desto mehr wird geklaut.
Jüngstes Beispiel ist sicherlich Günther Cornetts Reiberei mit dem russischen Verlag Zvezda über eine russische Variante von Hey, that’s my Fish – Cornett erkennt ein eindeutiges Plagiat, Zvezda führt kardinale Änderungen an und weißt jede Schuld von sich (hier erwähnt). Oder denken wir zurück an die unglückliche Geschichte zwischen Staupe und Asmodee wegen Dobble und Kunterbunt (Link).
Ein anderes Opfer ist Roberto Fraga, der sicherlich mit Jubelgeschrei im Club der Plagiierten Aufnahme fand. Der französische Autor von Wo war’s? (Ravensburger) oder zahlreichen Kinderspielen bei Haba wie Trötofant oder Auf die Schätze, fertig, los! hat sich bestimmt verwundert die Augen gerieben, als er Chicken Dance sehen musste. Denn nicht in China wurde sein Eiertanz kopiert, sondern in Südamerika.
In Buenos Aires sitzt die nebulöse Firma Top Toys, die entweder eine Tochter von Hasbro oder zumindest deren enger Partner dort unten ist. So genau ließ sich das nicht herausfinden. Aber bestimmt gibt es unter euch ein paar Freunde kleiner Ponys oder Sammler der My little Pony-Figürchen – ja die mit den großen Kulleraugen und echter Mähne zum Kämmen! Und genau die werden von Top Toys hergestellt (legal), ähnliches gilt für Star Wars-Figuren und weitere erfolgreiche Lizenzprodukte. Will sagen: Top Toys ist keine Garagenfirma, die per Hand Spielzeug zusammenbastelt, sondern schon etwas professionalisiert.
Und was erschien im Sommer in deren Katalog? Ein Spiel mit 16 Eiern und zwei Würfeln – Kinderspielekenner entdecken darin sofort das Material von Eiertanz (Haba). Und tatsächlich: Bis auf eine Änderung der Stückzahl bei den Eiern (16 statt 10 Eiern) gleichen sich die Spiele bis aufs Haar. Selbst der Name ist ähnlich. So muss Roberto Fraga nicht schlecht gestaunt haben, als ihm Freunde zum Erscheinen seines Spiels in Argentinien gratulierten - wusste er doch gar nichts davon. Ebensowenig Haba.
Geht es jetzt zum Anwalt? Laut Autor ist ein Erfolg ziemlich unwahrscheinlich: Argentinien sei weit entfernt und der finanzielle Schaden kleiner als die Kosten für eine rechtliche Klage. Auf Nachfrage aber meint Haba, sie hätten „noch nichts“ unternommen, wollten allerdings die Angelegenheit nicht so einfach unter den Tisch fallen lassen. In Bad Rodach sei man dabei, die Lage und Möglichkeiten zu prüfen. Schließlich braucht’s da auch jemand, der sich mit argentinischem Recht auskennt.
Wartet, es gibt sogar einen ziemlich nervösen Werbespot:
Was bleibt? Als Autor mit Humor darf man die Angelegenheit vielleicht als höhere internationale Weihen der Zunft betrachten, denn es wird schließlich nur kopiert, was auch erfolgversprechend ist. Trotzdem ist so eine Produktpiraterie nicht die feine Art und stellt eine klare Verletzung des Urheberrechts dar. In der immer internationaleren Szene müssen Autor und Verlag wachsamer sein denn je - die Kopierer sind es schließlich auch.