Freitag: Aufgedreht
Geschrieben von Samstag, 22 Oktober 2011 - 10:31

Tag 2 auf der SPIEL 2011

Es ist doch ein Kreuz mit diesen Journalisten: Kaum feinern sie ihr einjähriges Berufs-Jubiläum, finden Fans und Follower, betrinken sich an Lob und Ehrungen, schon sinken Moral und Werte. News kommen zu spät und generelles Laissez-faire stellt sich ein. Seit dieser Tric Trac-Heini in Essen ist und mit seinen französischen Kollegen rumhängt geht hier nicht mehr die Post ab wie früher. Essen ist eben ein Ausnahmezustand, bei dem es kaum Pausen zwischendrin gibt, um mal Luft zu holen. Weil ich aber eine treue Seele bin, schreibe ich jetzt den Report von gestern, statt mir den Ranzen in der Frühstückslounge vollzuschlagen. So bin ich eben zu euch.


Der Freitag war vergleichsweise überschaubar. Naturgemäß liegt das auch daran, dass donnerstags und freitags die nicht-geekige Bevölkerung noch ihrer Arbeit nachgeht. Dadurch sind bestimmte Spiele schneller weg als andere – und wer jetzt noch eines der raren, streng limitierten Kleinstauflage-Spiele haben will, guckt in die Röhre. Die normalen Spieler, die jetzt am Wochenende die SPIEL besuchen, kümmern sich aber wahrscheinlich auch weniger um Flash Point: Fire Rescue, Panic Station oder Eclipse und deren frühzeitigem Abverkauf. 

Auffallend sind die großen Verkaufsstände vom Heidelberger Spieleverlag und Queen. Äh, die zwei. Nein drei. Ich habe jetzt nicht gezählt, aber in mindestens drei Hallen sind die mit Verkaufsständen vertreten. Gab es sowas denn schon in den letzten Jahren? Solche Omnipräsenz mit einer Mischung aus Rabatt-Schnäppchen und Neuheiten zum vollen Preis zieht die Kunden an, das ist offensichtlich. Kleinere Verlage links und rechts daneben mit Verkaufsambitionen ärgern sich aber, wenn das Kapital der Kundschaft vor ihrem Stand woandershin abbiegt. Für eine Vielfalt – auch im nächsten Jahr - ist das nicht förderlich. Die Messe hätte nicht die als Verborgene Rumpelkammer bekannte Halle 7 aufmachen müssen, wohin sich ausländische Kleinverlage zurückziehen, weil an prominenterer – und teurer - Stelle ein reiner Verkaufsstand aufmacht. Mir fällt parallel dazu das Bild der sich in den Innenstädten ausbreitenden Ein-Euro-Läden ein. Und wer mag die?

Bereits bei der Pressekonferenz wies Frau Metzler vom Merz-Verlag darauf hin, dass ein spürbar verstärkter Zustrom aus Zentral- und Osteuropa 2011 die Reihen der Aussteller verstärkt. Das das nicht immer gut ist, erfährt man am Stand von Bambus-Spiele, wo sich Günther Cornett ärgert, weil der russische Verlag Zvezda sein Hey, thats my fish in seinen Augen frech kopiert hat. Zvezda sieht das natürlich anders und spricht von ausreichenden Änderungen. Der wachsende internationale Markt macht das Thema Urherberrecht immer wichtiger.


Home, sweet home. Das Wappen stimmt auch! (Warriors & Traders)

Mit unternehmerischem Elan und Freude am Design sind die Jungs vom rumänischen Verlag Legendary Games an ihren Erstling gegangen und präsentieren ein glücksfreies Aufbauspiel mit dem Titel Warriors & Traders: Land aufbauen, Ressourcen handeln, Krieg führen – dazu ein doppelseitiger Spielplan mit viel Liebe zum Detail und insgesamt recht flotten Regeln. Ähnliches gilt für die untersuchten polnischen Neuheiten Prêt-à-porter (Mode ist auch nur eine Industrie) und Draco (drei Zwerge gegen einen Drachen, fertig ist das Zweipersonenspiel).



Ich liebe Deckbau, aber Deckbau liebt mich nicht. Was tun?

Bei Friedemann Friese durfte ich den Prototypen seines nächsten Freitags-Projekts spielen: Ein Rennspiel mit Deckbau, Karftendrafting und Arbeiter-Einsatz. Wie er da noch die Kurve zum geplanten Titel Fremde Federn (mit denen er sich schmückt) kriegen will, bleibt spannend. Das Spiel, bei dem er auch dreist sich selbst und Funkenschlag kopiert, hat leider den klaren Design-Fehler, dass Tric Trac-Redakteure nicht automatisch gewinnen. Bis diese Knitter rausgebügelt wurden vergesse ich die Schmach eines dritten Platzes nicht, Herr Friese.



App-Attack: Playdek zeigten mir die noch für dieses Jahr geplanten Veröffentlichungen des kalifornischen 20-Mann-Betriebs. Ascension muss in seinem Kern umgebaut werden, damit über den In-App-Kauf spätere Erweiterungen folgen können. Das ist nicht so einfach und braucht Zeit. Auch die Frage, warum es keine richtigen Game Center-Anbindungen mit Ranglisten und Achievement und diesem ganzen Schnickes wie bei anderen Apps gibt, konnte mir George von Playdek einleuchtend beantworten: Man macht da lieber was eigenes, damit später auch Android-User teilnehmen können. Ascension kommt also auch für mobile Gerätschaften mi Android-OS und erlaubt das Zusammenspiel mit Apple-iOS-Spielern. Gute Idee!

Ebenfalls sehr gut sahen die Umsetzungen von Summoner Wars, Agricola, Nightfall und Food Fight, einem cleveren Kartenspiel mit viel Speise-Wortwitz (siehe Foto), aus. Playdeks Arbeitsplan ist übrigens für 2012 ordentlich voll und lässt auf weiteres Material für mobile Brettspieler hoffen.

Die Highlights des Tages: Ich hab einem Probespiel Eclipse zugeschaut und der Gesamteindruck von Grafik, Spielfluss und Interaktion sah so aus, als wenn das genau das richtige für mih ist. Leider ist Eclipse weitestgehend weg. Solltet ihr as bei einem Messe-Händler für überzogene Preise sehen, geht weiter. Eine Nachlieferung kommt im November. Dann aber gleich zuschlagen.

Dungeon Fighter wird heute mal ausprobiert. Beknackten Irrsinn versprechen allein die Illustrationen, das Spielprinzip passt auch: Man prügelt sich durch einen Dungeon und muss dazu sein Würfel möglichst zielgenau in die Spielplanmitte werfen. Je nach Monster muss man aber den Würfel mit dem Kopf treffen, über den Rücken werfen oder sonstwelche Verrenkungen anstellen.

Abends schließlich fielen wir beinahe vom Stuhl bei Runde um Runde Mogel-Motte. Zusammen mit den Herren von Repos und Antoine Bauza zockten wir uns durch die Insektenwelt. Wunderbarstes Element ist, dass man schummeln darf und in günstigen Momenten Karten ungesehen verschwinden lassen sollte. Gar nicht so einfach und zum Kugeln witzig.

Tütenkontrolle: Gähnende Leere

Impressionen des Tages:


Klarer Regelfehler: Diese junge Herren spielen Looping Louie ohne Alkohol.



Wie bei einer Sportveranstaltung wurde jeder Zug bei der Carcassonne-WM vom Moderator kommentiert: "Und er zieht ein Kloster! Wo wird er es hinbauen?" Aber irgendwie echt spannend.



Raffiniertes Zweipersonenspiel oder eine Flasche Champagner: Gleicher Preis, gleiches Ergebnis.



Eine Ausstattung zum Träumen, Rest aber zum Aufwachen: Colonial: Europe's Empires Overseas






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