Hellsicht: Bluff oder Zauberei?
Geschrieben von Freitag, 1 Juni 2012 - 16:49

Gespielt: Divinare


Schräge Themen finden in mir stets einen willigen Freund, der sich ihnen lustvoll zuwendet. Da braucht ein viktorianischer Hellseherwettbewerb nicht lange zu fragen, ob ich einsteige: Natürlich! Dann fällt der erste Blick auf (und in) die handliche Schachtel. Von innen und außen voll durchgestylt. Plus eines prämierten Autorenspiel-Mechanismus. Erster Impuls: Divinare kann ja nur gut werden. Denkt man. Muss man denken. 
Aber wir fallen auf das Blendwerk nicht rein, Tric Trac analysiert scharf und kritisiert knallhart. Auch - und vor allem - wenn ich bei englischen Autoren grundsätzlich schwach werde. Es haben nämlich schon vor Jahren die Gentlemen Wallace, Breese oder Boydell mein Herz für die britische Spieleschule geöffnet. Also Schachtel aufgerissen, Marker ausgedrückt und los.

Brett J. Gilbert ist ebenfalls Engländer und in der Szene mit Blog und Twitter-Account sehr aktiv. Auf seiner Webseite erzählt er immer wieder von Ideen, Prototypen und philosophiert ein wenig über das Thema Spiele-Entwicklung. Das bringt den Leser, Kommentator und Spieler dem Autor näher. Derart angekuschelt konnte man schon vor Monaten miterleben, wie das ursprüngliche Oracle Pathway langsam entstand, wie es zur grundsätzlichen Idee kam und wann die frohe Kunde des spanischen Autorenwettbewerbs aus Granollers überbracht wurde: "Gratulationes, hombre. Sie haben gewonnen." Ziemlich schnell hatte sich das französische Team von Asmodee den Titel geschnappt und das Bluff- oder Hellseherspiel (je nach Begabung der Spieler) in seiner neuen Reihe der Titel im kleinen Format als Nummer 2 nach Mundus Novus untergebracht. Übrigens ein sehr ehrliches Format, wenn ich das so nennen darf. Da ist kaum etwas von der guten Ludofact-Luft drin.



Rein grafisch kann man Divinare keinerlei Verfehlung vorwerfen. Die Illustrationen von Benjamin Carré transportieren das frische Thema wunderbar und irgendwie ganz glaubwürdig. Klar, es ist aufgesetzt, aber vergleichsweise homogen und plausibel mit dem Mechanismus verwoben. Wir Spieler sind zwei bis vier Hellseher, die während eines Wettbewerbs an einem verregneten Novembertag unsere medialen Fähigkeiten unter Beweis stellen wollen.

Anfangs spielt man Divinare einfach so drauf los: Es gibt vier Farben, jeweils unterschiedlich in der Anzahl: 12, 10, 8, 6 – also eine ungleiche Verteilung. Diese 36 Karten werden gemischt und insgesamt immer nur zwei Drittel davon an die Spieler ausgeteilt. Hoho, merkt nun der aufmerksame Leser an, da bleiben ja welche übrig. Genau. Die wandern zurück in die Schachtel. Je nach Spielerzahl sieht man also jede Runde stets nur einen Teil der vorhandenen Karten, nämlich die auf der Hand. Damit sich das ein wenig ändert, geben alle Spieler eine bestimmte Anzahl an Karten vor Spielbeginn nach rechts weiter. Klassisches Drafting. Dann wird auch schon losgespielt: Wer an der Reihe ist, legt eine Handkarte aus und tippt dann mit seinem Marker, wie viele Karten genau dieser Farbe wahrscheinlich im Spiel sind. Ich muss meinen Marker anschließend bewegen, aber nicht auf eine Zahl, die bereits belegt ist. Also hat man da schon mal den ersten Zwang und tippt wohl eher konservativ. 
An bestimmten Stellen im Spiel – abhängig von der Anzahl Handkarten – werden nochmals Karten herumgereicht. Und genau hier entzündet sich der Funke des Spiels: Der Anfänger gibt bestimmte Karten nicht weiter, weil er nicht die volle Information an seinen Nachbarn aushändigen will. Der Profi gibt aber bestimmte Karten ganz bewusst weiter, um seinen Mitspieler rechter Hand in Zugzwänge zu versetzen. Denn auch wenn der in vollster Sicherheit seinen Marker bei „4 Blaue“ liegen hat, so muss er die dargereichte blaue Karte leider spielen und sich umsetzen. Habe ich das erahnt und meinerseits einmal Blau behalten, kann ich mich somit bequem auf die Position setzen. 


Denn am Ende jedes der vier Durchgänge werden Punkte verteilt. Wer ganz genau richtig liegt, der kassiert 3 Punkte, wer um eins daneben schoss, bekommt immerhin noch einen Ehrenpunkt. Jede andere Platzierung wird hingegen gnadenlos mit Abzug gestraft. Da ist es manchmal ratsamer die eigene Prophezeiung besser zurückzuziehen, als Minuspunkte zu riskieren, wenn man sich nicht wirklich sicher ist. Oder es ist eben Teil des Bluffs, um andere zu falschen Annahmen zu bewegen. Wer das tut, hat das Spiel verstanden.

Schon ab dem zweiten Durchgang wird fortan verschärft gespielt, und man spürt am Tisch eine Stimmung des Sich-drehens und ein Winden der Mitspieler, die zum einen versuchen, ihre Informationen für sich und vor allem den Überblick zu behalten, aber dabei auch Zwänge und Fallen auslegen. Und dabei natürlich möglichst geschickt so tun, als hätten sie absolut keine Ahnung, wie der Hase läuft. Divinare verbirgt ganz viel unter der glänzenden Haube: Ein knackiges Spiel, das uns einen kompletten Abend die Zeit vergessen ließ.

Meiner Ansicht nach gibt es im Grunde keine Glückskomponente in diesem Spiel, das viel mehr Menschenkenntnis, Mitdenken und Risikobereitschaft verlangt. Alle Spieler sind immer direkt am Geschehen beteiligt, denn neben dem Blick auf das Spiel empfehle ich einen Blick in die Augen der Mitspieler. Wer Bluffereien à la Perudo, Bluff und Skull & Roses mag, dabei aber auch noch eine taktische Komponente wünscht, der hat mit Divinare sein Spiel. 

Gratulation an den lieben Herrn Gilbert aus England für dieses zu Recht beim spanischen Autorenwettbewerb ausgezeichnete Spiel. Es würde mich arg wundern, wenn das die einzige Prämierung geblieben sein sollte.

- Divinare in der Vorschau.
- Erklärt von der Wahrsagerin in Cannes.

Divinare ist ein Spiel von Brett J. Gilbert, illustriert von Benjamin Carré.
Erschienen bei Asmodee
Für 2 bis 4 Wahrsager ab 13 Jahren
Preis: Rund 20 €




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Neuste Kommentare

  • Graf

    Freitag, 1 Juni 2012 - 18:55

    Es scheint mir eine große Ähnlichkeit zu Hattari zu bestehen. Es scheint das Jahr Deduktions-Bluffspiele zu sein...

  • Sternenfahrer

    Freitag, 1 Juni 2012 - 19:26

    Oh toll. Ich sollte aufhören, hier mitzulesen.
    Schon wieder begeistert...

  • Freak

    Samstag, 2 Juni 2012 - 18:20

    Also das Spiel hat mich auch überrascht!
    Das macht richtig Spaß!
    Kann mich Guidos Meinung nur anschliessen.

  • Ravn

    Montag, 4 Juni 2012 - 09:12

    Wirklich schönes Spiel - auch grafisch. Für eine Spiele-Gourmet-Ausgabe hätte ich mir nur haptisch bessere Setz-Steine gewünscht. Die Pappmarker tun es zwar auch (für 17 Euro im Handel wohl auch nicht anders möglich), aber ausmodelliert wäre noch schöner.

  • Sternenfahrer

    Montag, 4 Juni 2012 - 11:08

    Na, über Spielmaterial.de oder ähnliches läßt sich dieses Manko ja rasch beheben! :-)

  • Sternenfahrer

    Sonntag, 2 September 2012 - 18:28

    So, erste Partie gespielt, bin sehr angetan. Schön! Und noch dazu ein gutes Spiel! :-)