"Ich roque!"
Geschrieben von Montag, 13 Februar 2012 - 08:25

Gespielt: Santa Cruz


Santa Cruz, so heißt doch dieser eine Fußballer! Der echte Bundesliga-Profi (wie ich) durchschaut solche Nummern gleich. Aha, wir haben es hier also mit einem Sportspiel zu tun. Spiel und Sport liegen schließlich nicht so weit auseinander und außerdem ist dieses Jahr wieder EM. 
Ich schließe daraus, dass die Münchner von Hans im Glück uns damit ganz subversiv ihre Vorliebe für den ehemaligen Spieler des 1. FC Bayern einimpfen wollen. Nicht mit mir! Ich ignoriere solche Subtilitäten einfach und tu so, als wenn die gar nicht den Kicker aus Paraguay meinen, sondern die Karibik-Insel. Passt eh viel besser!

Und klammern wir die ohnehin nur unzureichend ausgearbeitete Fußball-Komponente mal aus, dann entpuppt sich Santa Cruz als ein astreiner Elfmeter in mein Spieleregal. Denn das Fußballspiel auf der Insel dreht sich nach der Halbzeit in eine völlig andere Richtung. Aber der Reihe nach:

Friedlich schlummert Santa Cruz unentdeckt vor uns. Wir starten in die Entdeckungsreise mit einem festen Satz Baukarten und zufällig gezogenen Wertungskarten. Reihum verlängert jeder dann entweder mittels Baukarte sein Netz aus Häusern, Kirchen und Leuchttürmen – über Land, Fluß oder entlang der Küste – und entdeckt schrittweise für alle, was da noch so der Entdeckung harrt. Oder er löst eine Wertung für alle aus. Dann bekommt zum Beispiel jeder 10 Punkte, wenn er Gold hat. Oder drei Punkte für eine Siedlung am Meer oder sowas. Klar, dass man also seine Wertungen dann spielt, wenn man selber am meisten hat. Da ist schon mal ein Gespür für das Timing gefragt. 

Sind alle Karten gespielt, räumt jeder sein gerade so schön ausgebreitetes Netz aus Häuschen und Türmchen wieder ab (Slogan: "Häuser vom Tisch!") und das Spiel geht von neuem los. Der einzige Unterschied: Jeder hat nun das Baukarten-Set plus Wertungskarten eines anderen Mitspielers. Jeder weiß also, was die anderen theoretisch auf der Hand haben und muss gleichzeitig aus seinen Karten was besseres als der Vorgänger machen. Das ist weniger problematisch, alldieweil ja ein Großteil der Insel in der Regel nun offengelegt ist. Einzig eine Wertungskarte wird ausgetauscht. Das kann dann doch noch zu Überraschungen führen, wenn man nicht wenigstens ein klein wenig aufpasst und mitdenkt.

Santa Cruz hat man schnell drin, die Regeln sind wahrhaft nicht schwer. Auch hilft die Anleitung beim einfachen Einstieg – genauer gesagt ist das ja so eine Art Comic. Auch mal was neues, das man berücksichtigen könnte, liebe Goldene-Feder-der-Stadt-Essen-Jury. Gut gemacht obendrein.

Indes, das Spiel stellt beinahe schon philosophische Fragen: Wenn Du etwas noch mal tun könntest mit dem Wissen von heute, würdest Du es dann besser machen? Den Beweis darauf kann man bei Santa Cruz abliefern: Meistens macht man manches anders, aber es wirklich besser zu machen, das ist schwer. Und die große Kunst.
Denn während sich die Spieler im ersten Durchgang langsam und vorsichtig vorantasten, auf Sicherheit spielen und möglichst dann ihr Wertungskärtchen legen, wenn es ein guter, aber vielleicht nicht der beste Augenblick dafür ist, ist Runde zwei ein Wettrennen, möglichst bald Schlüsselpositionen zu erreichen und zackzack dafür abzukassieren. Denn man weiß ja nun zumindest grob, worauf die Wertungskarten wert legen. Deshalb heißen sie ja so.


Schön ist da natürlich immer auch, wenn man die Aktionen der Mitspieler beobachtet und in ihren Zügen zu lesen weiß, was sie vorhaben. Andersrum ist ein guter Bluff Punkte wert: Wenn der Mitspieler denkt, ich hätte noch die schon genannte „Gold-bringt-10-Punkte“-Karte auf der Hand und wie irre zum nächsten Gold-Ort hetzt, muss man schon ein Pokerface sein, um ihm und seinem vermeindlichen „Glück“ nicht im Weg zu stehen. Ja, renn doch!

Der Santa Cruz-Spieler darf übrigens ganz nach Gusto und Tagesform spielen: Wer am liebsten auf Nummer sicher geht, der baut seine drei Leuchttürme und greift damit feste und solide Punktewerte ab. Wer den Kick braucht, macht einen auf Vogelfänger – es gibt Plättchen mit Möwe, Kakadu und Papagei drauf, die ein bis drei Punkte bringen und an manchen Orten gezogen werden dürfen. Auch wenn die Dinger im Spiel Vogelchips heißen: Es sind keine Snacks. Schmecken furchtbar und überhaupt nicht nach Geflügel. Bleibt lieber bei Kartoffelchips.
Geologisch interessierte Spieler setzen sich wiederum dahin, wo’s warm ist: Schön an die Hänge der Vulkane. Hier locken einerseits hohe Punktzahlen und doppelte Ressourcen, aber spielt jemand plötzlich die Vulkanausbruchs-Karte, brennt im wörtlichen Sinne die Hütte. 

Mittlerweile muss ich eingestehen, dass Santa Cruz wohl doch nichts mit dem Fußballer gemein hat. Es geht tatsächlich um die Insel und ihre Entdeckung und Besiedelung. Und so wie wir diese im zweiten Druchgang einer Partie besser kennen lernen, so ergeht es uns mit dem Spiel an sich: Nach außen sieht eingangs alles klipp, klar und einfach aus. Aber erst mit jeder neuen Entdeckung, mit jeder nächsten Partie gilt es, Chancen und Risiken abzuwägen, das Maximum an Punkten rauszuquetschen. Dabei ist Santa Cruz kein Optimierspiel im herkömmlichen Sinn, ein klein wenig Zufall ist schon noch dabei. Aber wie so oft im Leben muss man aus dem, was sich bietet, das Beste machen. Ganz nach dem Motto: Wenn Dir das Leben Zitronen bietet, frag nach Salz und Tequila.

Taktik, Planung, ein bisschen Glück, Interaktion und Bluff: Santa Cruz will den vollen Körpereinsatz von seinen Spielern sehen. Und wer alles gibt, der bekommt auch ein rundes (Spiel), das in sein eckiges (Regal) muss. Könnte es singen wie einst der Fußballer zusammen mit seinen Sportfreunden, würde es wahrscheinlich ganz selbstbewusst gröhlen: „Ich roque!“

Santa Cruz ist ein Spiel von Marcel-André Casasola-Merkle, illustriert von Michael Menzel 
Erschienen bei Hans im Glück
Für 2 bis 4 (Wieder-)Entdecker ab 8 Jahren 
Preis: Rund 30 Euro

P.S.: Nur eine Frage habe ich: Warum sieht man auf der Linse des Fernrohrs einen Schafskopf? Ich freue mich auf Erklärungsversuche.

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Neuste Kommentare

  • Stmountain

    Montag, 13 Februar 2012 - 09:50

    Zum Schafskopf: Vielleicht ist es ja ein Hinweis auf eine versteckte Carcassonne Erweiterung. Die fehlt aber leider in meiner Santa Cruz Schachtel ;)

  • Elektro

    Montag, 13 Februar 2012 - 09:59

    Vielleicht der Hinweis auf ein geplantes Sequel - "Karibisches Schafe-Schubsen"? ;)

  • Stmountain

    Montag, 13 Februar 2012 - 10:02

    Oder bald gibt es eine Kooperation mit Lookout Games.

  • 7-brainbug

    Montag, 13 Februar 2012 - 10:13

    “vom Autor von Attribut“ wird das Schaf wohl bedeuten.

  • Andreas Keirat

    Dienstag, 14 Februar 2012 - 06:30

    Mit Fussball liegst Du schon nicht so falsch, lieber Guido. Der Grafiker ist schlicht und einfach Werder Bremen-Fan. Bei der derzeitigen Leistung (vor allem aus dem Vorjahr, wo wahrscheinlich schon die Entwürfe zum Spiel standen) darf man das aber nicht so offensichtlich mitteilen. Warte mal ab, vielleicht macht er beim nächsten Spiel eine Lokomotive, um sein Trainer-Idol wieder versteckt zu würdigen (diesmal mit dem Vornamen)