Kickstarter, zieh Dich warm an
Geschrieben von Mittwoch, 15 Februar 2012 - 09:27

Drei ausgesuchte Projekte


Es muss ja nicht immer Kickstarter sein: Gerade europäische Autoren und Kleinstverlage erkennen langsam die Chancen einer durch die Fans vorfinanzierten Erstauflage ihrer Spiele-Ideen. Wir hatten ja bereits vor Längerem eine große Diskussion über Wohl und Wehe von Kickstarter, dessen Vorteil sicherlich auch der Name ist, wohingegen Nicht-US-Teilnehmern das Starten einer Aktion bisher verwehrt bleibt.

Heute will ich Euch mal von drei Alternativen erzählen: Briefcase, Massilia und Western Town. Und alle drei sehen toll aus. Durchaus würdig, gefördert zu werden. Und Griechen und Franzosen sind die ersten, die sich damit auf verlegerisches Neuland (zumindest in Europa) wagen.


Über Briefcase hatte ich auf Facebook zu erst gelesen (Danke, Christian): Zwei griechische Autoren beschäftigen sich hier in einem Wirtschafts-Deckbau-Spiel mit dem Streben von Ruhm und Erfolg als anfänglich kleiner Unternehmer. Durch das schrittweise Akquirieren von Firmen und Ressourcen geht es langsam (aber möglichst schneller als bei den Mitspielern) bergauf. Die Firmen: Stahlwerk, Fußball-Club, Werft, Modell-Agentur und so weiter. Sie produzieren - aktivieren und füttern wir sie mit Ressourcen - vier unterschiedliche Sorten von Entscheidungskarten, mit denen wir wiederum kaufen, leihen, aktivieren oder den Gegnern Hindernisse in den Weg stellen.
Hinter Briefcase steht Artipia Games, die in Essen bereits mit Drum Roll einen sehr positiv aufgenommenen Start hinlegten. Das Spiel wird über IndieGoGo vorfinanziert und geht - so die Autoren - auf jeden Fall im April in Druck. Nur wer vorher zusagt, bekommt noch Promos dazu und hilft dem Verlag. Wer will, kann also seine ganz persönliche Griechenlandhilfe starten. 
Der Vorteil der Plattform IndieGoGo: Man zahlt per PayPal und das Porto ist überschaubar, da innereuropäisch.

- Zu Briefcase auf IndieGoGo. Dort findet ihr auch die Regeln als Download und ein kleines Filmchen auf Englisch.


Name und Grafik erinnern gleich an Asterix: Massilia, das heutige Marseille, war wichtiger Handelshafen im Römischen Reich. Dadurch wuchs die Stadt natürlich zügig an. Welcher Händler will da nicht ordentlich abkassieren. 
Der Autor von Massilia ist spätestens seit Vanuatu bekannt: Alain Epron. Sein neustes Werk versetzt die Spieler in die Rolle eifriger Händler an einem Arbeitstag, sagen wir: Einem Mittwoch. Ziel ist es, bei Feierabend der beliebteste Typ der Szene zu sein. Also wollen über acht Stunden Regale aufgebaut, Waren ein- und abverkauft werden und das möglichst profitabel. Um die Geschäfte anzuheizen ist auch das Flehen an die Götter nicht verkehrt. Jede Stunde entspricht einer Spielrunde, in der die Spieler aus einem gemeinsamen Pott die Würfel nehmen und werfen. Je nach Farbe und Augenzahl stehen dann verschiedene Aktionen zur Verfügung. 
Die Regeln von Massilia gibt es derzeit noch nur auf Französisch, aber Englisch, Deutsch, Italienisch und Niederländisch sind in der Mache. Das Material ist sprachneutral. 
Das Spiel kommt offiziell zur Messe Essen 2012 heraus. Also auch hier gilt: Wer mitmacht, kriegt Goodies. Und hilft dem Projekt.

- Zu Massilia auf Ulule, mit mehr Bildern und Regel-Download. Da gibt es sehr witzige Pakete: Mit T-Shirt oder einer Einladung nach Essen (plus Übernachtung). Oder einem Dreh mit TricTrac.tv

Das dritte Spiel ist ebenfalls von einem Franzosen und auch auf Ulule zu finden. Western City von Olivier Warnier war bereits zweifach im Finale des Autorenwettbewerbs von Boulogne-Billancourt: 2008 und 2011. Jetzt versucht es der Autor selbst mit einer Veröffentlichung - nach der Aufarbeitung aller Kritikpunkte der Jury und eigenen Aussagen zufolge Bug-frei.
Es ist 1869 und wir bauen unsere eigene nette Westernstadt. Mit Saloon, Goldmine und den üblichen Klischees. Drei Faktoren sind wichtig für den Spielsieg: Die Bevölkerungszahl, die Attraktivität der Stadt und das Gold, das an die Nationalbank geliefert wird. Da freut sich Präsident Lincoln. Und in jedem Spiel ist der Schwerpunkt ein anderer. Übertreiben sollte man es wiederum mit dem Ausbreiten nicht, denn zu eifriges Siedeln bringt die Indianer gegen euch auf. Also schön langsam und die indigenen Stämme zu den Mitspielern einladen.
Jeder Spieler hat seine Tafel, auf der er seine Gebäude errichtet. Die liefern wiederum Karten mit Aktionen. Von ihnen wählt jeder eine bestimmte Anzahl aus und legt den Rest beiseite. Dann spielen alle zwei ihrer Handkarten aus und nutzen den Haupteffekt. 


Denn jede Karte hat drei Effekte. Erstens der Haupteffekt, wenn die Karte ausgespielt wird. So bringt die Goldmine 1 Gold und - wer 2 Holz oder Bevölkerung zahlt - nochmals 2 Gold. Zweitens der Nebeneffekt, wenn man seine Leutchen dafür motivieren kann: Hier 1 Gold. Drittens gibt es noch die Belohnung, wenn man es schafft, seine Karte eine Runde lang offen ausliegen zu haben: 1 Gold und 1 Super-Stadt-hier-Abzeichen. 
Hier greift der "Revelation"-Mechanismus: Wer eine Handkarte vorzeigt, die bereits woanders liegt, bekommt deren Motivations-Effekt. Insgesamt ein Bluff- und Durchschau-Spiel mit Aufbau-Charakter. Interaktiv und sehr hübsch gestaltet. Und wenn's klappt mit Cowboy- und Indianer-Meeples!
Die Regeln sollen mehrsprachig - auch auf Deutsch - übersetzt werden. Ab dem Spätsommer soll es mit Western Town so weit sein. Auch hier wird ein Teil der Auflage in Essen 2012 verkauft.

- Zu Western Town auf Ulule. Mit Bildern, Film und Proto-Regel-Download (auch auf Englisch).

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Neuste Kommentare

  • Stefan Glaubitz

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 11:10

    Du weißt schon das Lincoln 1869 bereits tot war.... ;)

  • Ode

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 11:11

    Soso! Massilia ist also schon vor 1811 Jahren erschienen? :-)

  • Stmountain

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 11:48

    Western Town klingt ja sehr interessant, leider verstehe ich aber null Franzelmanisch. Я не говорю по-французски.

  • DamonWilder

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 11:59

    Ja, mich interessieren die beiden französischen Spiele eigentlich auch. Aber das sämtliche Infos nur in französisch sind, schreckt mich ab. Dass es anderen (potentiellen) Käufern auch so gehen mag, sieht man ja an den bisherigen Zahlen.

  • Guido

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 12:28

    Da ist man einmal kurz im Schneegestöber und schon das...

    Lieber Stefan, das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Beschwer Dich beim Autor. Aber wer weiß, immerhin ist Abraham Lincoln auch Vampirjäger, wenn man Hollywood demnächst glauben soll.

    Lieber Ode, die Messe Anno 201 präsentierte Massilia noch mit latinisierter Regel und einer Spielplan-Tafel. Dies ist die Neuauflage für 2012.

    Lieber Stmountain und DamonWilder. Ich empfehle, die Seiten mal zu bookmarken, zu RSS-Feeden oder sonstwie zu verfolgen. Deutsche Regeln kommen noch. Sobald ich mehr weiß, kann ich gerne auch nochmals eine Meldung machen.

  • Sternenfahrer

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 12:31

    Ich habe jedenfalls mal BRIEFCASE geordert, ist eh das interessanteste der drei Spiele! :-)

  • Stefan Glaubitz

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 12:39

    ....wollte halt auch mag klugscheissen..... ;)

  • Guido

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 14:47

    Inzwischen habe ich einen Link eingebaut zum Download der englischen Anleitung von Western Town. Siehe oben. Da wird einiges über den Mechanismus klarer - auch mir.

  • Darkpact

    Mittwoch, 15 Februar 2012 - 14:50

    Jau, halt uns mal auf dem laufenden, da ich auch alle drei Interessant finde.

  • LemuelG

    Donnerstag, 16 Februar 2012 - 00:23

    Ich hab mir die Regeln von Massilia eben mal angeschaut ... das klingt nach einem hübsch fiesen Spiel, wohl deutlich schneller als Vanuatu, aber mit deutlich mehr Einfluss als Mâamut. Der Reiz scheint darin zu liegen, auf bessere Preise/mehr Punkte zu spekulieren, aber durch die Aktionen der anderen Spieler dadurch manchmal draufzahlen zu müssen. Ich kann noch nicht beurteilen, ob das Zufallselement zu groß wäre. Ein Aha-Erlebnis wie die krass fiese Aktionsauswahl in der Regel zu Vanuatu gab es beim Lesen aber nicht.

  • Guido

    Donnerstag, 16 Februar 2012 - 16:16

    Huhu, ich bin jetzt in Cannes - hier ist T-Shirt-Wetter. Ich dreh euch die Tage ein paar Videos, wenn moeglich. Und versuche, mehr ueber frz. Neuheiten zu erfahren.