
Kommunale Abrissorgie
Geschrieben von Guido Mittwoch, 23 November 2011 - 08:31
Neu und gespielt: King of Tokyo
Wer in Essen nicht schnell genug war, der guckte in die Röhre: Ratzefatz war beim Heidelberger die deutsche Ausgabe von
King of Tokyo vergriffen. Im großen Container kam jetzt die Rettung: Wie gemeldet wird, ist es endlich regulär lieferbar und sollte ab Ende der Woche beim Händler Eures Vertrauens im Regal stehen.
Zeit, meine absolute Kaufempfehlung zu begründen. Zum einen sehnte ich persönlich das Spiel
seit Januar herbei - und war auch einer der ersten in Essen, der zugreifen musste - und somit total subjektiv, hochemotional und bar jeglicher Vernunft diese Klopperei liebe. Jeder Psychologe bestätigt, dass dieser Schutzmechanismus dazu dient, das eigene Ego vor Versagen und Zusammenbruch zu schützen. Mir egal, denn mit gesundem Selbstvertrauen kann ich behaupten, dass mein Riecher mich damals nicht getäuscht hat. Denn wo Richard Garfield draufsteht, da ist spielerisch-lockerer Spaß drin. Wer
Magic, RoboRally oder das leider zu Unrecht in Vergessenheit geratene
Filthy Rich von ihm kennt, weiß was ich meine. Garfield steht (nicht für Pizza und fette Katzen, ihr Banausen!) für genial einfache Mechanismen und Thema satt.

Der Titel des King of Tokyo ist nur was für die Harten. Das wird man nur, wenn man so richtig austeilen aber auch einstecken kann. Es ist herrlich fies und glückslastig. Bis zu einer Schwelle, wo ihm bösartige Gemüter attestieren, es sei ein Monster-Kniffel. Denn wer am Zug ist, darf bis zu dreimal würfeln, Ergebnisse zwischendurch beiseite legen und abschließend auswerten. Das bringt schlicht Punkte (von denen es 20 zum Sieg braucht), regeneriert Lebenspunkte (ohne die man tot und raus ist), staut Energie an oder simuliert mehr oder weniger kraftvolle Schläge.
Stellen wir uns folgendes Szenario vor: King Kong, Godzilla, ein Riesenroboter und ein Ausserirdischer geben sich die heftigste Schlägerei, die die Innenstadt eines 90er Jahre-Tokyos je gesehen hat. Garfield hat selbstverständlich persönlich keinerlei Aversion gegen Japan, aber cineastisch tradiert ist Tokyo eben eine prima Arena für Monsterkämpfe inmitten chromglänzender Häuserblocks. Guckt Euch doch mal Godzilla gegen Mechagodzilla II an, die boxen sich auch nicht in Lörrach.
Immer nur einer kann in der Stadt stehen, der Rest lungert aussen vor. Und so knallt's auch bald: Wer drin steht, muss Prügel von allen anderen einstecken, kann aber auch einen gigantomanischen Roundhouse-Kick an die Unterkiefer aller anderen landen. So sammelt man Punkte, bis irgendwann die Puste ausgeht und man mal kurz raus muss, um zu verschnaufen und neue Lebenskraft zu tanken. Inzwischen steht dann ein anderen im Mittelpunkt, dem man auch wieder den Wamst verdrischt. Mittels Energie kaufen sich die Spieler Mutationen, Ereignisse, Fähigkeiten - sprich: Verbesserungen in irgendeiner Art. Das beeinflusst den Spielstil und kann ungeahnte neue Möglichkeiten bieten, auch als abgeschlagener Spieler wieder reinzukommen.
Und wie spielt sich King of Tokyo? Seicht? Strategisch? Vor allem eins: Witzig. Die Monster sind alle gleich, egal ob MekaDragon oder Cyberbunny, wer versagte, wurde bei uns aber gnadenlos ausgewechselt für die nächste Partie. Als wenn's an den armen Viecherln liegt, wenn ich Mist würfle.
Wie die Spieler den Terror aufziehen, bleibt ihnen überlassen, man kann sein Glück also schon steuern oder auch mal zocken. Die Regeln sind in 3 Minuten drin und eigentlich kann man direkt loslegen. Die Würfel sind große Klötze und poltern donnernd über den Tisch. Da ist jeder dabei, schaut zu, jubelt oder stöhnt über die erzielten Combos. Die zahlreichen Illustrationen - wie bei französischen Spielen oft - sind erstklassig, die Übersetzung fehlerfrei.
King of Tokyo ist ungerecht, pflegt Schadenfreude, wirft Spieler raus und verherrlicht Aggression gegen seltene Riesenmonster wie auch teure Geschäftsgebäude. Oh ja. Das ist so schön. Alles ist drin: Leichtigkeit, Interaktion, Thema (Muhaa, mein Alienoid mit Zeitraffer und Extrakopf ist bislang ungeschlagen!) Eine kommunale Abrissorgie in Form eines farbenfrohen Actioncartoons: Was will man eigentlich mehr, um endlich mal wieder richtig entspannten Spaß zu haben?
King of Tokyo ist ein Spiel von Richard Garfield, illustriert von Benjamin Raynal
Erschienen beim Heidelberger Spieleverlag
Für 2 bis 6 Kaiju ab 8 Jahren
Preis: Rund 30 €