Kunterbunte Dobblung
Geschrieben von Dienstag, 30 November 2010 - 11:07

Die Suche nach der Übereinstimmung


Reinhard Staupe ist sauer: Kurz nach der Messe in Essen wurde er auf eine Neuheit aus dem Hause Asmodee namens Dobble aufmerksam gemacht. Darin sei der Mechanismus seines Spiels Kunterbunt klar zu erkennen. Plagiat? Parallel-Entwicklung? Jedenfalls ist das nicht der Grund für Staupes Wut. Sondern die Art und Weise, wie mit ihm kommuniziert wurde. In einem offenen Brief wendet er sich an die Allgemeinheit.

Damit wir wissen, worüber wir sprechen: Dobble ist ein Kartenspiel, bei dem es zentral darum geht, die beiden gemeinsamen Bilder auf jeweils zwei Karten zu finden. Ein mathematisches Modell (Bipartiter Graph genannt) garantiert, dass auf zwei Karten immer nur eine - und nur eine - Gemeinsamkeit vorhanden sind. Staupe erhebt Anspruch, der Erfinder dieses Spiel-Mechanismus zu sein. Das gleiche System hatte er für sein Spiel Kunterbunt entwickelt, das bereits 1995 erschien. Ist Dobble also einfach beim älteren Kunterbunt abgekupfert worden?
Darum geht es Staupe hingegen gar nicht, er will nicht vor Gericht mit einer Plagiatsklage ziehen. Ob er damit erfolgreich wäre, weiß man nicht. Schließlich ist ein Mechanismus - von dem jeder, der Dobble/Kunterbunt spielt, zunächst einmal überrascht ist und wissen möchte, wie das gemacht wurde - meines Wissens nicht schützbar. Ähnliches sagt Staupes Autorenkollege Günter Cornett in einem umfangreichen Kommentar auf zuspieler.de. Das Urheberrecht schützt nicht die reine Idee, sondern nur das Werk. Zum Beispiel ist der Spielmechanismus von Memory auch nicht geschützt - nur der Name (und auch der ausschließlich für Deutschland und Österreich). Gerade bei einfachen Ideen wie für Kinderspiele ist der Urheberschutz auf Grund einer gering empfundenen Schöpfungshöhe schwach. Bei starken Mechanismen wie dem Catan-Prinzip, dem Gerdts-Rondell oder dem Deckbauprinzip von Dominion ist das anders. Aber auch sie werden aufgegriffen und erfolgreich weiterentwickelt. Axolotl Roadkill im Game Design sozusagen.
Zweifelsohne ist Staupe der erste, der die entsprechende Idee hatte und es in ein Spiel verpacken konnte. Um Plagiatsvorwürfe geht es ihm wie gesagt nicht: Reinhard Staupe sagt selbst mehrfach in seinem Brief, dass er nicht von einem Plagiat ausgeht. Auch wenn Jahre zwischen beiden Spieleentwicklungen liegen, so erscheint es dennoch möglich, dass der französische Dobble-Autor Denis Blanchot mit seinem Erstlingswerk von der Existenz eines Kunterbunt keinen blassen Schimmer hatte. Mit gutem Willen setzt Staupe dies voraus und spricht von einer Doppelschöpfung. Dies ist durchaus im Rahmen des Möglichen: Irgendeine Idee scheint in der Luft zu liegen und zwei Menschen schnappen sie zeitgleich auf. Stichwort Infinitesimalrechnung - Leibniz und Newton erfanden sie unabhängig voneinander. Kann passieren. Dass Produktmanager bei mehreren involvierten Verlagen (Play Factory, Asmodee, Blue Orange Games) das nicht sehen, zeugt aber bestenfalls von mangelndem Überblick. Aber wer hat den noch?

Staupe meldete sich bei den Verlagen: Play Factory (Rechteinhaber), Asmodee (Lizenznehmer EU) und Blue Orange Games (Lizenznehmer USA). Asmodee Frankreich leitete ihn an Play Factory weiter mit den Worten, Verpackung, Kartenform und Motive machte Dobble zu einem eigenständigen Spiel. Play Factory hingegen wechselte die Korrespondenzsprache irgendwann ins Französische - für Staupe ein Zeichen arroganten Benehmens und mangelnder Bereitschaft zur Diskussion mit einem unbequemen Autor. Leider schweigt er darüber, was sie genau sagen.

Fakt ist: Kunterbunt und Dobble haben den gleichen zugrundeliegenden Mechanismus. Was ersteres begonnen hat, führt zweiteres nahezu weiter, denn Dobble variiert den Mechanismus mehrfach und bringt gleich 5 Spielvarianten mit. Die Grenzen zwischen purem Mechanismus und ganzem Spiel sind fließend.
Reinhard Staupe schäumt wegen der Behandlung, die er erfahren hat. In unserer kleinen und vermeintlich freundlichen Szene sollte die Bereitschaft zum Kuschelkurs größer sein. In seinem Schreiben läßt er aber die Frage offen, was er eigentlich bezwecken möchte. Anerkennung für seine, ältere Idee; ein Schulterklopfen? Die Nennung und Danksagung in der Dobble-Anleitung (durch das Beispiel Ohne Furcht und Adel in seinem Brief liegt dies nahe - aber: in welchem Spiel mit Kramerleiste steht heute noch ein Dank an Wolfgang Kramer für die übernommene Idee)? Die Franzosen für ihre unwirsche Art an den Pranger stellen? Wer weiß. Sicher ist: Er hat erneut eine - außerhalb des Spieleautorenzirkels stets schnell wieder einschlafende - Diskussion zum Thema Urheberrecht bei Spielen ins Rollen gebracht.

Als "irgendwo zwischen Jungle Speed und Colori (der französischen Version von Kunterbunt)" hat der Kollege von Tric Trac Frankreich damals Dobble bei seiner ersten Ankündigung bereits verortet. Er kannte die Szene. Und Reinhard Staupe vermisst eben jene Zeiten, als sie noch wie eine große Familie war, in der man sich kannte und einen Überblick über den Markt bewahren konnte. Vor 15 oder 20 Jahren hätte es solch einen Fall sicherlich nicht gegeben. Aber wir leben im Heute. Die Spiele-Industrie ist angeschwollen und es fällt schwer, die Flut der Spiele und jährlichen Neuheiten zu überblicken.
Ob hetzutage frech abgekupfert oder zufällig parallel entwickelt wird und wie sicher das geistige Eigentum einer Spiele-Entwicklung zu schützen ist, bleiben spannende Fragen. Doch bei allem sollte weiterhin der freundliche Ton gewahrt bleiben. Dafür, dass Spiele Spaß machen sollen, ist man für meinen Geschmack hier manchmal viel zu angestrengt.

Und was denkt Ihr?

facebook
Melde dich hier an, um deine Meinung zu sagen.

Neuste Kommentare

  • Gead

    Dienstag, 30 November 2010 - 13:39

    Problem 1: Die Erfindung des immer Gleichen.

    Wie sicher kann man sich sein, dass man etwas Noch-nie-da-Gewesenes erfunden hat? Mit einem gehörigen Schuss "ironisierter Naivität" behaupte ich mal, es kann nichts erfunden werden, das es nicht irgendwo im Universum bereits gibt. iVersum - wenn davon der "große Apfel" jetzt Wind bekommt ... Und sind nicht auch die Wälder "kunterbunt"? Zumindest im Herbst und bevor der Sturm irgendwann die Blätter vom Baum fegt oder sich Schnee darüber legt. Und wenn der Berg nach dem Erstbesteiger ruft: dann ist da natürlich auch Lagerfeuer-Romantik mit im Spiel. Samstag Nachts klang das früher mal so: Zwei Köpfe - eine Meinung. Heute eben: Zwei Spiele - eine Idee.

    Problem 2: Erfinder haben's schwer.

    Weil alle (?) ständig Neues, Neues, Neues wollen. Da greift dann so mancher schon mal in die Trickkiste. Und die gibt's beim nächsten "Kosmos um die Ecke" schon ab 6 Jahren. Und in so mancher vermeintlichen Spaßkiste ist doch nur wieder der x-te laue Aufguss. Doch Earl Grey ist nicht (umsonst) gleich Earl Grey - die Mischung macht's. Man denke da nur an aktuelle Weinkisten im Angebot (bzw. an deren Inhalt): nur der wahre Kenner kann da schließlich einen Burgunder von einem Burgunder unterscheiden, oder?

    So ein offener Brief ist wie ein guter Wein: mit der Zeit (und erst mal an der Luft) entfaltet er sein ganzes Bouquet. So ganz "nüchtern" betrachtet sind es nunmal die feinen Nuancen (und Umgangstöne), die wirklich zählen und die den Unterschied machen. Das steht nicht nur in geheimen Depeschen, wie man NICHT mit- und übereinander reden sollte!

    Unproblematische Grüße
    Gead

  • Guido

    Mittwoch, 1 Dezember 2010 - 09:34

    Lieber Gead,
    ist das also vielleicht die Wurzel des Übels: Die ständige Gier nach dem Kick der Neuheit, die zu Produktionsdruck führt und sorgfältiges Prüfen und Miteinander-Sprechen unmöglich macht?

  • Gead

    Mittwoch, 1 Dezember 2010 - 10:41

    Lieber Guido,

    wie alles im Leben hat auch der "Kick der Neuheit" zwei Seiten: Das Neue ist frisch und vermeintlich unverbraucht, erweitert den Horizont, stillt das Verlangen und ist eine Bereicherung für's Leben. Das Neue kann aber auch frühreif und damit ungenießbar sein, den vorhandenen Raum verkleinern, die Erwartung(en) enttäuschen und ist dann vielleicht keine Bereicherung mehr.

    "Neu" ist natürlich nicht gleich "schlecht" und damit die Wurzel des Übels. Nur zu viel des Neuen ist nicht gesund. In immer kürzeren Intervallen. Das "Problem" findet man übrigens überall, weil (wirtschaftliches) Wachstum zumeist das Neue impliziert. Dabei wird aber allzu oft ein ursprünglicher Vorgang in der Natur vergessen: dass es neben dem Prinzip des Neuen auch das Prinzip des Wiederkehrenden gibt.

    Insofern finde ich den Trend, den du hier an anderer Stelle feststellst, nämlich Klassiker "neu" aufzulegen, lobens- und nachahmenswert. Denn das ständig Neue führt auch dazu, dass "man" (als Vorbesteller zum Beispiel) immer der Erste sein will, der das Neue in Händen hält und seiner Spielrunde vorstellen kann; damit derjenige sein will, der seine "Meinung" als Erster ins Netz stellt usw. (Da bekommt man ja auf Dauer Bluthochdruck!)

    So wie manche Kinder in ihrer Entwicklung mehr Zeit brauchen, um sich und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, genauso gibt es auch Spiele (und mit ihnen deren Autoren und Verlage UND Hersteller), denen der "Markt" und darin die "Spielekonsumenten" mehr Zeit gönnen sollten. Weniger Neuheiten, und dafür mehr Zweit- und Drittauflagen.

    Die (Spiel-)Kultur ist ein Reifeprozess und Spiele sollten kein Wegwerfartikel sein!

    Neuaufgelegte Grüße
    Gead

  • Duchamp

    Mittwoch, 1 Dezember 2010 - 11:38

    Einerseits:

    Parallelschöpfung und Leibniz/Newton = Zeitgleichheit ...?

    Kunterbunt ist seit 15 Jahren auf dem Markt, u.a. auch in Frankreich.

    Eine kurze Recherche, und man hätte das Spiel sofort entdeckt. Oder hat man? Und dann soweit gefeilt, dass die Unterschiede noch ein bisschen größer ausfallen?

    Wie dem auch sei - der Ton macht die Musik. Und nur die bessere, offenere Kommunikation klagt Reinhard Staupe ein.

    Andererseits:
    Wenn man die 5 Varianten in Dobble betrachtet (für die auch die Reduzierung auf weniger Abbildungen pro Karte notwendig war), sieht man deutlich eine Weiterentwicklung aufgrund derselben Grundeigenschaften der Karten, nicht ein reines "Abkupfern".

    Gut, dass wir drüber geredet haben ... ;-)

  • Guido

    Mittwoch, 1 Dezember 2010 - 12:12

    Da hat der Duchamp schon wieder Recht. Zeitgleich war die Entwicklung nicht, das Beispiel dient in der Tat nur bedingt. Aber ich musste diese Infinitesimalrechnung irgendwann einmal unterbringen!

    Muss also Geißler D21 schlichten?