Spiel mit Rollenklischees
Geschrieben von Donnerstag, 13 Oktober 2011 - 11:43

Neu im Regal: Ein Mann. Ein Spiel.


Streiflicht-Leser wissen es bereits, Tric Trac-Leser erst recht: Die Süddeutsche Zeitung steigt ins Spielegeschäft ein. Mit drei Titeln ist sie kürzlich ins Rennen gegangen, um den Spielern unter ihren Lesern (und lesenden Spielern) zu beweisen, dass sie sowas auch können. Hat mit Musik und Video ja schließlich auch geklappt!
Das Zefix-Memo! ist ein auf den oberdeutschen Dialekt der Bayern eingeschossenes Memory-Spiel, Open End nutzt die kreative Fabulierfreude für Freunde von Nobody is Perfect, während schließlich Ein Mann. Ein Spiel die Verspielung eines Buchtitels ist, der praktische Lebenshilfe für echte Männer gibt. Mit dem Autor, Marcel-André Casasola Merkle, traf sich Tric Trac in der Münchner Pfistermühle bei gesottenem Kalbstafelspitz aus dem Wurzelsud mit Mangoldköpfchen auf Kartoffel-Specksauce und frischem Meerrettich. 

Tric Trac (TT): Tag. Wie geht Ein Mann. Ein Spiel (1M1S)?
Marcel-André Casasola Merkle (MACM): Wenn ich mich auf Holzhammerrhetorik beschränken müsste, würde ich sagen, es ist eine Mischung aus Verflixxt und Fiese Freunde Fette Feten. Vom Kern her auf jeden Fall ein gut zugängliches Taktikspiel, in dem man auf einem Zeitstrahl Spielsteine zieht, um Lebensereignisse zu sammeln. Die Zeit schreitet dabei unerbittlich voran. Chancen ergeben sich nur einmal und wenn man sie verpasst, hat man Pech gehabt. Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Wie im richtigen Leben.

TT: Wie nah dran ist das Spiel am Männlichkeits-Beststeller? 
MACM: Ein Mann. Ein Spiel. ist eine Adaption. Es versucht, das Thema aufzugreifen und den Stil des Buchs, ist in sich aber eigenständig. Ich glaube, man sollte nie 1:1 adaptieren, sondern das Medium ernst nehmen, in das übertragen wird. Im Grunde geht es darum, die Seele des Buchs hinüberzuretten. 
Das Buch handelt von Männern und den Klischees. Aber eben nicht auf Mario-Barth-Niveau, sondern mit Witz und Akribie. Sich mit Stereotypen auseinanderzusetzen ist immer eine Gratwanderung, wenn man nicht ins Dumpfe abgleiten will. Im Buch sorgen dafür die genaue Recherche und die hintergründigen Texte. Im Spiel müssen die Spieler diese Meta-Ebene selbst einfließen lassen. 

TT: Mann sein heißt für die Spieler also in erster Linie was zu tun ?
MACM: Sie spielen das Leben eines Mannes, treffen Entscheidungen. Sie werden spüren, wie kurz die Zeit ist und dass man manchmal auch auf etwas verzichten muss. Und dass es viele Wege gibt, ein Mann zu sein, dass das eben nicht heißt, dass das nur mit Baum und Haus und Nachwuchs geht. Diesen storytechnischen Zusammenhang, die Wechselfälle und Absurditäten des Lebens müssen die Spieler aber selbst interpretieren. Für mich persönlich heißt das, sich mit Klischees auseinandersetzen und sie auch zu hinterfragen.

TT: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der SZ? 
MACM: Eine Freundin erzählte mir davon, dass die SZ überlege, das Buch umzusetzen und stellte mich der zuständigen Redakteurin vor. Im Grunde war das reiner Zufall.

TT: Hatten die irgendwelche Vorgaben zwecks Thema oder Material?
MACM: Vorgaben gab es so gut wie keine. Es ging vor allem darum, ein „richtiges“ Spiel zu machen, nicht nur einen Memo-Klon oder ein Quiz. In das Buch ist viel Detailarbeit geflossen. Das sollte sich auch im Spiel widerspiegeln.

TT: Wie anders ist die Zusammenarbeit mit einer Redaktion, die sonst Bücher, Filme und Musik verlegt?
MACM: Die Zusammenarbeit hat mir sehr gut gefallen. So viel anders als im Spielebereich war das gar nicht. Wichtig ist immer, dass Interesse am Produkt da ist. Und das war hier definitiv der Fall. Natürlich musste ich ein bisschen beraten bei der Umsetzung, beim Material, der Spielregel etc., weil da natürlich noch nicht so viel Erfahrung war. 
Was ich auch sehr wichtig fand, war dass die Buchautoren sehr eng in das Projekt eingebunden waren und Einfluss nehmen konnten. Wir haben uns rege über das Spiel ausgetauscht; auch im Verhältnis zum Buch. 

TT: Die SZ plant vollmundig eine Zielauflage von 50.000 Exemplaren. Wer sich schon länger in der Branche bewegt, weiß, dass das ein hochgestecktes Ziel ist. Was denkst Du, steckt so viel Power hinter dem Buchhandel (auf den die SZ Edition vermutlich setzt)?
MACM: Da muss ich ehrlicherweise passen. Ich kenne die Vertriebsstrukturen nur wenig. Im Brettspielhandel ist das eine recht hohe Zahl. Aber ich bin mir auch nicht sicher, ob sich die 50.000 Exemplare nicht auf die gesamte SZ-Spielepalette bezogen haben.

TT: Wer ist die Zielgruppe? Männer, Frauen von Männern, SZ-Leser oder Spieler? 
MACM: Im Grunde ist Ein Mann. Ein Spiel. ein ganz normales Brettspiel. Vielleicht würde man es mit einem anderen Thema sogar eher als Familienspiel deklarieren. Die Zielgruppe ist also nicht beschränkt. Spielbar für die breite Masse, aber auch die Mechanismen dürften interessant genug sein, damit Vielspieler mal einen Blick riskieren. Und: Es richtet sich nicht vornehmlich an Männer. Man muss ja auch kein Franzose sein, um Carcassonne zu spielen. Ich habe jedenfalls beobachtet, dass es Frauen besonders Spaß macht, die klischeebehafteten Rollenmodelle auf die Schippe zu nehmen. 

TT: Die auch sie einmal überdenken sollten. Welche Spiele dürfen wir in der kommenden Saison noch von Dir erwarten? 
MACM: Voraussichtlich schon im Frühjahr wird mein nächstes Spiel erscheinen. Ein richtig großes, auf das ich mich schon besonders freue. 

Eine Übersicht über alle drei SZ-Spiele hatten wir mal hier

Ein Mann. Ein Spiel. ist ein Spiel von Marcel-André Casasola Merkle 
Erschienen bei SZ Edition 
Für 2 bis 4 Männer (und solche, die es werden wollen) ab 12 Jahren 
Preis: Rund 35 €

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