Urlaub: Fast so schön wie arbeiten
Geschrieben von Montag, 20 Juni 2011 - 10:48

Gespielt: Sun, Sea and Sand

Urlaubsspiele darf man nicht verwechseln mit Urlaubs-Spielen. Während erstere möglichst klein, handlich und robust sein sollten, um auch Sonne, Meer und Sand von Algarve bis Antalya trotzen zu können, handeln letztere eher vom Planen und Wirtschaften. Im Idealfall heißen sie dann auch noch Sonne, Meer & Sand (oder auf Englisch Sun, Sea & Sand). Nein, was für Zufall: da ist ja eines!

Der Niederländer Corné van Moorsel hat mit seinem Spiel für mancherlei Überraschungen gesorgt. Und die Entdeckung dieser Perle hat Pseudo-Messekenner (mich) von echten Messekennern (andere) unterschieden. Kein Wunder, dass es an der breiten Masse vorbeiging und erst die Platzierung auf der Empfehlungsliste der Jury zum Spiel des Jahres 2011 neue Aufmerksamkeit auf dieses schöne Themenspiel brachte.
Schön ist nämlich sowohl der Mechanismus als auch die Einbettung des Spielprinzips im Thema. Wir Spieler sind alle der Patriarch oder die Matriarchin einer kleinen Familie auf einer idyllisch gelegenen Ferieninsel, als just der Tourismusboom losgeht. In den acht Wochen Hauptsaison bauen wir unser kleines Grundstück am Meer aus und versuchen dabei, durch Urlauber so viel Geld wie möglich zu scheffeln, um tolle Attraktionen für noch mehr Einnahmen zu errichten. Am Ende des Sommers, wenn die Damen und Herren von TUI und Thomas Cook kommen, will jeder das schönste Urlaubsparadies vorzeigen. Bis dahin will das Geld gut investiert sein.


Sun, Sea & Sand lebt vor allem anderen zunächst in der Zukunft: Wer sich am besten auf die nächsten paar Wochen einstellen kann, der hat seinen Mitspielern einiges voraus. Und das ist die große Kunst, ohne allerdings gleichzeitig zur planerischen Denksportaufgabe zu mutieren. Reihum setzen wir unsere Familienmitglieder zum Arbeiten ein: Bungalows kosten pauschal zwei Wochen Zeit und je nach gebauter Menge Geld. Das heißt, unser Sohnemann zaubert die Hütten herbei und muss sich anschließend zwei Wochen ausruhen, bevor er wieder verfügbar ist. Bungalows beherbergen Urlauber. Und die bringen Geld. Oder wir errichten Attraktionen für Wiese, Strand, Promenade und Wasser. Die zählen am Ende Siegpunkte und halten Urlauber auf dem eigenen Spielplan – denn gibt es einen Pool, überzeugt dieser die grünen Urlauber, nicht gleich nach einer Woche wieder den Heimweg anzutreten, sondern noch eine weitere Woche dranzuhängen (und zu zahlen). Der schlaue Bau solcher Verbesserungen vergrößert also auch das Einkommen. Die Urlauber holen wir im Hafen ab. In den Abteilungen der Touristenboote warten sie darauf, dass wir ein Familienmitglied losschicken, um eine Gruppe in unsere Bungalows zu führen. Über Buchungen können auch Reisegruppen frühzeitig bei uns reservieren – so lassen sich Figurenfarben sichern, bevor es die Konkurrenz tut. Dafür ist allerdings auch der familiäre Mitarbeiter länger blockiert. Schließlich gibt es noch den Rucksacktouristen, der über die Insel wandert und dort bleibt, wo er ein Plätzchen findet. Bauen wir einen Schilderwald, stellen wir sicher, dass er bei uns bleibt und nicht einfach vorbeirennt.
Nach der Arbeit der Familienmitgliedern zahlen alle Touristen auf dem eigenen Spielplan ihre Miete und wandern entweder zur nächsten eigenen Attraktion oder reisen ab. Die Zeit schreitet eine Woche voran und die nächste Runde beginnt.


Die Regel lügt nicht, eine Partei ist mit einer knappen Stunde tatsächlich flott gespielt. Dabei flattert vor allem gegen Ende der Spannungsbogen im lauen Südseewind, was das Spiel aber mit sehr viel schöner Atmosphäre wieder wett macht. Für Familien, die gerne Planen und Vorausdenken, ist Sun, Sea & Sand nicht zu schwer und in sich schlüssig. Keine Extraregeln müssen über Designlücken hinwegbügeln und auch Glückselemente sind nicht vorhanden. Alle Informationen liegen offen. Und genau deswegen ist das Spiel auch nur gut und nicht sehr gut. Was es über das Mittelmaß emporhebt, das ist sicherlich die stimmungsvolle Idee des Urlaubsressorts, bei der man fühlt, dass sie nicht einfach auf den Mechanismus gekleistert wurde. Doch es gibt keine Überraschungen und plötzlichen scharfen Wendungen, weil noch jemand ein Ass aus dem Ärmel zieht oder Sonderpunkte kassieren kann. Der Rucksacktourist soll wohl ein wenig Unwägbarkeit verursachen, ist aber im Prinzip überflüssiges Beiwerk. Sun, Sea & Sand spiel sich dennoch interessant und hat seinen Reiz, ist aber seltsamerweise nur mäßig spannend.

Oder wie das Gefühl nach 5 Wochen Urlaub: Es war schön, aber man freut sich jetzt wieder auf die Arbeit.

Sun, Sea & Sand ist ein Spiel von Corné van Moorsel
Erschienen bei Cwali, Vertrieb Heidelberger Spieleverlag
Für 2 bis 5 Insulaner ab 10 Jahren
Preis: Rund 30 €

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Neuste Kommentare

  • Ecki

    Montag, 20 Juni 2011 - 17:33

    Hi Spielgemeinde,

    das Spiel ist zwar etwas "fisselig" in der Handhabung, aber wirklich toll aufgemacht. Als Familienspiel ist es eine willkommene Alternative. Macht den Kindern (8, 12) sehr viel Spaß!!! Ich muß Guido in fast allen Punkten recht geben. Aber: Den Rucksacktouristen find ich gar nicht so überflüssig. Und: Die "beleibteren" roten Spielfiguren sind in Zeiten von McDoof sehr passend gewählt... Alles in allem ein nicht nur gutes, sondern m.E.n. ein WIRKLICH gutes Familienspiel.

  • Guido

    Dienstag, 21 Juni 2011 - 08:11

    Da hast Du allerdings Recht, Ecki. Die adipöseren roten Männchen auf der roten Gastromeile stechen hervor wie die gertenschlanken Wassersportler. Wie gesagt, das Thema zieht sich überall durch.
    Der Rucksacktourist ist eine Figur, die "Reise nach Jerusalem" spielt, bis sie ein Plätzchen findet - macht die solch einen Unterschied?

  • Ode

    Mittwoch, 22 Juni 2011 - 21:07

    I second Guido on the backpacker...