
Weltwunder für alle!
Geschrieben von Guido Freitag, 29 Oktober 2010 - 09:26
Neu im Regal: 7 Wonders
7 Brücken, 7 dunkle Jahre, 7 mal wie Asche - was Karat schon 1978 (der Maffay hat auch nur gecovert) gesungen haben, war klar: 7 Sachen sind eine feine Geschichte. 7 Fässer Wein, 7 Zwerge, 7 Tage. Der Entdecker der "Super 7" war übrigens der alte Herodot, der in der Antike von den 7 Weltwundern berichtete: Großen Bauten großer Nationen. Und mit 7 Wonders haben die sombrerobehüteten belgo-Mexikaner von Repos in diesem Jahr den großen Hit der Messe gelandet. Ab jetzt ist der Buzz-Hit aus Essen auch in den heimischen Spieleläden zu haben.
Der Autor, ein Franzose namens Antoine Bauza, kann mal so, mal so. Mit Ghost Stories hat er ein stimmungsvolles - und knüppelhartes - Spiel entwickelt, dass sich in die Reihe der beliebten Kooperationsspiele reihen kann. Auch das deduktive Mystery Express ist spielerisch kein Leichtgewicht, kann aber durch Illustrationen und seinen Charakter als "Cluedo für Profis" reizen. Bauza hat allerdings ebenfalls Gurken wie Hurry' Cup und Bakong hingelegt. Jetzt hat er seine wahre Klasse bewiesen.
Das Spielprinzip von 7 Wonders ist in 10 Sekunden erklärt: Friday Night Magic trifft auf das beliebte Aufbauen der eigenen Zivilisation plus den Austausch von Waren und Feindseligkeiten mit den Nachbarn. Jeder sucht sich aus seiner Kartenhand eine Karte aus und gibt die restlichen danach nach links (oder rechts, je nach Runde) weiter. Das Teil wird gebaut und die nächste Runde läuft. Es gibt 3 Epochen mit 3 Kartenstapeln. Jeder werkelt an seinem Weltwunder herum, könnte es aber theoretisch auch ignorieren. So ein Wunderchen bringt halt nette Extras ein, auf die man ungern verzichtet.

In Babylons Gärten ließ es sich gut abhängen. Auch als Pflanze.
7 Wonders spielt sich leicht und dauert angenehm kurz; egal ob zu dritt oder zu siebt, da unterscheidet sich die Spielzeit nur marginal. Wartezeiten gibt es quasi nicht, da alle gleichzeitig wählen und theoretisch auch bauen könnten. Aber das macht man natürlich nicht, man preist die Gebäude der anderen ("Alexandriner Tagesschau meldet: Steinbruch gebaut, 150 neue Arbeitsplätze geschaffen") oder bellt lakonisch: "Ich baue eine Universität, ihr Barbaren" (wenn die anderen ihre Bildung völlig vernachlässigen) oder zwitschert dem Nachbarn ins Ohr: "Schaut her, ab jetzt gibt es auf meinem Markt die feinsten babylonischen Waren" (denn wer ordentliche Ressourcen hat, erhöht die Chancen, dass die Nachbarn bei ihm einkaufen) oder "Tadaaa, die Hängenden Gärten sind fertig. Da wird die Nachwelt noch lange Spaß dran haben". Man spürt das Civ-Thema, denn auch die Grafiken sorgen für Stimmung. Ich mag es ja, beim Spielen eine Geschichte zu erzählen. So kann man sich den Ausbau seiner Babylonischen Metropole bildhaft vorstellen, mit Universitäten, Markthallen, Webereien, einem großen Holzpferd vor der Haustür (schaut gut aus und bringt 3 Punkte beim Militär!), einem Pantheon und kleinen Handwerksbetrieben. Toll. Man kann unterschiedliche Strategien fahren - Rein auf Siegpunkte, Geld, Militär, Bildung oder Rohstoffe, es harmonisiert und wirkt ausgewogen. Langfristige Strategien sind ebenso wichtig wie taktische Entscheidungen über die Kartenhand. Interaktion ist auch drin, variiert aber je nach Spielertyp. Indirekt bestimme ich durch die Weitergabe der Karten natürlich, was mein Nachbar bekommt, auch beim Handeln kann man still entscheiden. Ich mag es aber, wenn ich wortreich meinen Nachbarn beschwatzen kann, seine Ziegel doch bitte bei mir zu kaufen und nicht bei seinem anderen Nachbarn. Ich hab schließlich Premium-Ziegel mit Gütesymbol, geprüft vom TÜV Zweistromland! Und die kosten das gleiche wie die lausigen ägyptischen Ziegel, die nicht mal dem nächsten Regenguss standhalten werden.
Noch mehr soziale Keilereien und nachbarschaftliche Freuden können Teil der Erweiterungen werden: Karten klauen, tauschen und Kaputt machen für destruktive Gemüter. Repos spricht von einer großen und mehreren kleinen Erweiterungen, natürlich insgesamt 7 an der Zahl. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Das Spiel soll sind zunächst auf dem Markt entwickeln und bietet ja auch bereits in seiner Grundversion ordentlich Abwechslung.

Heutzutage treten im Zirkus Affen und dressierte Pudel auf - wenn Ben Hur das wüsste!
In der knappen Woche seiner offziellen Existenz hat 7 Wonders inzwischen harschen Gegenwind erfahren müssen: Zu nah dran sei der Mechanismus an dem viel interaktiveren Fairy Tale. Und auch bei Midgard wanderten 2007 schon die Karten von Hand zu Hand. Mag ja sei, aber auch die haben bei Magic: The Gathering das System abgekupfert. Nur sind die alle nichts für die ganz normale Familie, an die sich das Spiel mit den sieben Weltwundern richtet.
Und herrjeh, dieser Preis. Da wollen Autor, Verlag und Händler wohl auch noch etwas dran verdienen! Haben die denn keinen Mal-Sklaven im Keller, der ihnen die 85 unterschiedlichen Illustrationen für lau macht? Und dann haben die Repos-Jungs das Spiel auch noch in Spanien produzieren lassen - ohne zu wissen, dass die Iberer Spiele mit goldbeschlagenen Dampfmaschinen in ihren Marmorhallen per Hand drucken? Nur die Hälfte muss der Kunde zahlen, hätten es die Belgier in ... hust ... mir wird schwindelig ... China herstellen lassen.
Es gibt Leute, die meckern über alles. Aber mal ehrlich, die haben die grauen Haare auch verdient.
Bauzas 7 Wonders darf sich getrost zu den "Großen Kartenspielen" der letzten Jahre wie Dominion oder Race for the Galaxy gesellen. Die Illustrationen entführen in die Welt der Antike und der Mechanismus ist, wie es ein Kartenspiel sein sollte, eingängig und schnell. Zig Kombinationsmöglichkeiten und Strategien sorgen für einen hohen Wiederspielreiz.
7 Wonder von Antoine Bauza
Erschienen bei Repos Produktion
Für 3 bis 7 Weltwunder/Innen ab 8 Jahren
Preis: Rund 40 €