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El Rondell de Puerto Caylus y Cuba
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Monsieur Guido
Monsieur Guido ist angemeldet seit dem 01.04.2010 um 09:00
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El Rondell de Puerto Caylus y Cuba

Von Monsieur Guido , 09.01.2012 um 16:20
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Im Sozialismus ist dank der segensreichen Taten des Máximo Líder Fidel Castro auf Kuba alles im Eigentum des Volks: Waren, Geld und auch der gemeinsame Oldtimer. Denn letzteren halten in seinem Lauf schließlich weder Ochs noch Esel auf. Doch, oh Schreck: Auf Kuba hält seit geraumer Zeit der Kapitalismus Einzug und umtriebige Subjekte versuchen, mit den Früchten von Arbeiterklasse und Intelligenzija ihr Privateigentum zu mehren! 


Diese fiesen Klassenfeinde nennen sich Spieler, die bei Santiago de Cuba im Gemeinschaftsvehikel durch die Stadt gondeln, Güter bei freigiebigen Genossen einsammeln und sie umgehend auf einen rostigen Frachten gen USA verladen. Glücklicherweise sind sie aber dann doch noch nicht ganz verkommen und bereichern sich, sondern häufen nur Ruhm bei nicht weiter genannten Subjekten an. Funktionäre wittern hier dennoch bereits Verrat an der Ideologie. In Santiago de Cuba ist also nicht alles so fröhlich und nett, wie uns die beiden Radfahrer auf der Spieleschachtel weismachen möchten. Überhaupt: Hat der Herr dort denn eine Privatpersonen-Radbeförderungs-Lizenz? Ein misstrauischer Blick in die Box ist angebracht, denn kapitalistische Betriebsoptimierung ersetzt hier den Fünfjahresplan.



Mit Turbo Boost über die Hafeneinfahrt: In Santiago de Cuba fliegt der 57er Buick.


Vor uns entfaltet sich das Hafenviertel von Santiago, in dem wir Spieler zusammen mit dem Auto unsere Kreise ziehen. Erfahrene Companeros wittern sofort: Das ist der berühmte MacGerdts-Rundboulevard, nur eben einspurig. Bin ich am Zug, darf ich das Auto ein Feld weiterziehen. Stecke ich dem Fahrer ein paar Peso in die Jacke, drückt der auch mal aufs Gas. Dann steige ich aus, besuche den dortigen Mitbürger. Und immer darf man etwas mitnehmen: José liefert Zuckerrohr, Pablo tauscht Waren 1:1 oder El Zorro greift bei den anderen eine Spende ab. Einzig wirklich windig ist Alonso der Anwalt. Über den lassen wir nämlich erklären, dass eines der Gebäude im Spiel fortan uns gehört und uns jeder Mitspieler, der dort tätig wird, einen Siegpunkt einbringt. Alonso erhielt eindeutig seine Ausbildung am Jura-Seminar zu Caylus in Frankreich.

Jeder Person ist eine farbige Rose zugeordet, die uns wiederum an je drei Gebäude verweist, die wir auch noch nutzen dürfen. Hier ist Potential zu friedlichem Aufbau („Veredle Tabak zu Zigarren“ oder „Tausche Geld in Siegpunkte“), aber auch destruktive Elemente locken („Drehe einen Nachfragewürfel auf Null“ oder “deaktiviere einen Kubaner“).

Landet das Sammeltaxi schließlich im Hafen, wird ausgeliefert: Der erste Spieler liefert eine Sorte Waren, dann der nächste und reihum. Bis entweder die Nachfrage des Frachters erfüllt ist oder wir ihm nichts mehr bieten können. Aufgeweckte Naturen liefern natürlich genau das, was die anderen auch haben und somit drauf sitzen bleiben. Gemäß der so genannten „puertoricanischen Kapitänsphasenpolitik“ (die erstmals Seyfarth, A. et al. 2002 beschrieb). Alternativ darf mit einem gewagten Satz über die Hafeneinfahrt, der einem K.I.T.T. den schwarzen Lack vor Neid abblättern lässt, die Lieferung aussetzen. Der Kapitän hingegen wundert sich und setzt den Nachfragepreis nach oben.

So gondeln wir gemeinsam Runde um Runde durchs Hafenviertel, bis auch das siebte Schiff mit prallem Bauch abschippert. Der Spieler mit den meisten Siegpunkten gewinnt.


Santiago de Cuba funktioniert, keine Frage. Die gelungene Abwandlung und Rekombination verschiedener Elemente erfolgreicher Titel bringt ein flüssiges Spielgefühl. Michael Rieneck ist kein Anfänger im Spieledesign und die Routine im Spiel ist glattgeschliffen. Und Eggert liefert wieder ein strammes Spiel in der kleinen Box ab. Die Grafik stimmt, das dünne Kuba-Thema bleibt zu Gunsten des Mechanismus im Hintergrund, ein typisch deutsches Spiel eben. Ihr ahnt schon, da muss noch ein Aber folgen. Wenn auch nur ein kleines:

Aber stellenweise ist der Spielverlauf zu glatt und - um an Eggerts Slogan anzuknüpfen - packt uns nur zärtlich. Echten Vielspielern fehlt da der besondere Kick, der Kennerspiel-des-Jahres-Kenner steht womöglich gerade an der Grenze zwischen Banalität und Begeisterung, je nachdem, von wo ausgehend er das „Mehr“ haben will. 

Im Grunde wird leicht optimiert und taktiert, jede Aktion bringt irgendwas ein und selten herrscht Mangel (außer an Pesos, aber wer hat schon genug Geld im Sack?). Auch die Spielzeit ist mit einer halben bis dreiviertel Stunde angenehm. Die freundliche, teilweise schon aus anderen Produkten der Cuba-Spielereihe bekannte Grafik ist von Michael Menzel - da gab es noch nie etwas zu meckern.


Für spielbegeisterte Familien, Arbeiter und Parteigenossen ist Santiago de Cuba jedenfalls eine Abwechslung zum normalen Sortiment im Haus, das für wenig Geld lange Zeit Spaß bringt – der Aufbau ist modular und ergibt immer wieder neue Ausgangslagen und starke Kubaner-Gebäude-Kombinationen. 

Und möglicherweise nicht nur das Tor in die große Cuba-Reihe mit den ebenfalls empfehlenswerten Spielen Cuba und Havanna, sondern auch in die weite Welt der Brettspiele jenseits des Mainstreams. Das erste Produkt des neuen Eggert-Pegasus-Kollektivs ist keine Kubanische Revolution, aber trotzdem gelungen.


- Hier hatten wir im September die Vorschau.

- Los Reglos, Hombre! (Download)

- Zur Produktseite bei eggertspiele.


Santiago de Cuba ist ein Spiel von Michael Rieneck, illustriert von Michael Menzel

Erschienen bei eggertspiele und Pegasus

Für 2 bis 4 Kubitalisten ab 8 Jahren

Preis: Rund 25 €



Von Monsieur Guido , Montag, 9. Januar 2012 um 16:20