Die Dorf-Dynastie

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Ein mittelalterliches Familienepos im TV-Nachmittagsprogramm oder kurzweilige Hof-und-Vieh-Seifenoper - irgendwo dazwischen liegt das Thema von Village versteckt. Das meine ich übrigens durchaus positiv. Versteht mich hier nicht falsch. Wenn das ZDF mal wieder einen neue Serienplot ab 15.30 Uhr für ihre 60-plus-Zuschauer sucht, dann schlage ich vor: Village – Wie das Leben so spielt.

Drama, Spannung, schräger Humor und nach jeder Episode Vorfreude auf die nächste (Partie). Village kann was. Nämlich in erster Linie begeistern über solch eine schöne Melange aus Thema und Mechanismus. Dem Ehepaaar Brand und Eggertspiele ist eine kleine Spielerperle gelungen.

Vier Generationen lang wird gereist, geheiratet, gebetet und geschuftet. Das Ziel ist schließlich, bei Spielende lobend in der Dorfchronik Erwähnung zu finden, die Welt gesehen zu haben oder die Familie in gehobenen Verwaltungsämtern und geistlichen Würden zurückzulassen. Jede Partie erzählt ihre eigene Geschichte von sozialem Aufstieg und der Möglichkeit, das Schicksal einer ländlichen Dynastie zu formen. Hier ist meine.

Besagtes Dorf könnte aus einem Asterix-Heft entsprungen sein und lockt mit rustikaler Idylle: Überall sehen wir die verschiedensten Häuser, Menschen laufen umher und alles ist sauber von der Außenwelt abgegrenzt durch eine Holzpalisade. Die schützt uns nicht vor den Angriffen spinnender Römer, aber vor der unbekannten Fremde, der immerhin ein Viertel des Spielplans gewidmet ist. Unser eigenes Heim hingegen bildet das Tableau eines jeden Spielers ab, der Gutshof. Hier beginnt die Reise unserer kleinen Familie. Die ist noch zu viert und mit einer großen Eins auf dem Bauch als Mitglieder der ersten Generation gekennzeichnet. Sie werden das Spielende nicht mehr erleben. Aber das ist schon okay.

Über den Spielablauf im Detail will ich hier nicht viele Worte verlieren. Dazu gibt es schließlich die entsprechende Anleitung. Mir ist das so starke narrative Element im Spiel viel wichtiger, weil ich mich gerne im Erzählerischen verliere und aus dem Bauch spiele.

Die Richtungen, in die sich die Familie entwickelt, sind mannigfaltig: Man kann mit dem Karren auf Reisen gehen und die umliegenden Dörfer besuchen oder auf dem eigenen Hof Getreide einsammeln. Haben wir Pferd und Pflug – oder besser noch einen zugstarken Ochsen – wirft die Ernte mehr ab. Diese bäuerlichen Arbeitsmittel wiederum bekommen wir, wenn wir ein Familienmitglied zum Handwerker ausbilden lassen. Der Verwandte versorgt uns nun fortan mit dem jeweiligen Gegenstand, Überschüsse werden am besten auf dem Markt verkauft. Oder wir lassen eine Figur zum Mönch weihen und hoffen auf einen raschen Aufstieg in der Kirche – Geld- und Getreidespenden an das Gotteshaus inklusive. Oder der ein oder andere Nachwuchs schlägt den actionreichen Weg der kommunalen Verwaltung ein und engagieren sich im Rat. Das hat nämlich so seine Privilegien. Natürlich steht öfter auch Nachwuchs an, der wieder in neue Positionen im Dorf manövriert werden will. Ihr seht schon, man hat viele und dennoch überschaubare Möglichkeiten.


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Doch irgendwann klopft Gevatter Tod an die Tür. Viele Aktionen verbrauchen kostbare Zeit - Pesterkrankungen beschleunigen obendrein das Ableben. Welche Spielfigur schließlich das Zeitliche segnen soll, entscheidet der Spieler; es muss aber immer eine Figur der niedrigsten Generation sein. Doch das ist nicht unbedingt schlecht: Denn der Pionier auf seinem Gebiet wird oft wohlwollend in der dörflichen Chronik aufgenommen: „Hier ruht Opa Wilhelm, einst der beste Wagner im Dorf“ oder „Friede sei mit Oma Elfriede. Sie verstarb im hohen Alter in fernen Landen“. Der Platz in den verschiedenen Bereichen der Chronik ist jedoch begrenzt und wer zu spät bei der Arbeit den Löffel abgibt, auf den wartet nur das kalte, namenlose Grab hinter der Kirche. Was zu manchmal abstrusen Aktionen führt: Oma Elfriede wird noch schnell nach jahrelangen Reisen heimbeordert, um auf dem Hof ein paar Hühner zu hüten und dann dort friedlich einzuschlafen – denn in der Chronik war in der Zeile "Eigener Hof" noch Platz. Also steht da jetzt vielleicht „Friede sei mit Oma Elfriede. Sie kam rum in der Welt und kümmerte sich rührend um Gockel Konstantin“. Oder: Eine Figur wird vom Hof auf das erste Feld im Rathaus gestellt, was gerade so viel Zeit kostet, dass schon wieder eine Figur vom Schnitter geholt wird. Also warum nicht genau diesen Neuling? Weil es Punkte bringt und noch Platz in der Chronik ist! Also lesen wir: „Hier ruht Alfred, der motivierte Schreiberlehrling, der zwar pünktlich kam, aber leider an seinem ersten Tag unglücklich über die Türschwelle stolperte.“

Leben, Arbeiten und Sterben sind zentrale Elemente im Village. Da muss man schon solide mit der Zeit und seinen Figuren haushalten und manches mal will man sogar zielgerichtet ein Familienmitglied dem Jenseits und somit der Chronik übergeben. Was das Spielgefühl in keinster Weise stört, im Gegenteil sogar ein bisschen schwarzen Humor mitbringt. Den Umgang mit dem Tod sollte man locker nehmen, man kommt eh nicht daran vorbei.

Genau das lehrt uns Village sehr deutlich. Wie bei vielen Personen-Einsetzspielen ist Timing wichtig. Ich muss Schwerpunkte in meinen Aktionen setzen, wissen was ich wirklich zuerst will und auch den Verlust von Figuren sinnvoll in Kauf nehmen. Die schwarzen Peststeine sind gar nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte. Und die einzelnen Aktionsfelder erlauben verschiedenste Strategien, die aber auch eisern durchexerziert werden wollen, will man auch gewinnen. Wie so oft sollte man nicht überall mitmischen, sondern konsequent seine Linie halten. Also entweder Karren bauen und alle sechs Nachbardörfer bereisen oder voll auf Kirchenämter spielen.

Kenner werden Village lieben, normale Spieler fühlen sich am Anfang überfahren. Das legt sich nach der ersten Partie aber. Auch passt sich das Spiel schön der Spielerzahl an: Zu zweit spielt es sich prima taktisch, zu viert muss jeder am Tisch eine vorausschauende Familienplanung betreiben. Übrigens heißen die farbigen Ressourcen hier weder Holz, Fleisch oder Stein, noch braun, rosa oder grün, sondern sind abstrakte Eigenschaften wie Wissen, Glaube oder Überzeugungskraft. Glaube braucht man zumeist für die Kirche oder auf Reisen, während Überzeugungskraft in der Ratsstube und am Marktstand weiterhelfen. Schöne Idee.

Liebes ZDF, macht Village zu einem Fernseh-Zweiteiler unter der Regie von Dieter Wedel. Dann mit Mario Adorf als Stammvater und Generation 1 (später dann verstorben und ruhmreich in der Chronik verewigt), Christoph Waltz als Generation 2 (jahrelang auf der Walz), Sebastian Vettel und Inka Bause als Generation 3 (bauen Karren und versorgen den Bauernhof) und schließlich Bill Kaulitz als Generation 4 (singt mit Tonsur in der Kirche). Das wäre mal ein heißer Mix. Rangeleien um gute Positionen, überraschende Wendungen und Krankheitsfälle inklusive. Und einen begeisterten Zuschauer unter 60 hättet ihr auch schon mal.

Und wisst Ihr was? Weil mir Village so gut gefällt und ich hier noch ein Exemplar in Folie habe, wird eins ab sofort verlost. Die wie immer superschwere Quizfrage lautet diesmal: Wie viele Radspeichen sieht man auf dem Schachtelcover?

(Nachtrag: Ich sehe ein, dass die Frage wirklich schwierig ist, ohne ein Exemplar im Schrank stehen zu haben. Und wer eins hat, der macht wohl nicht mit. Also machen wir es nun so: Jeder, der mir eine Lösungszahl jenseits der 4 schreibt, nimmt an der Verlosung teil.)

Schickt Eure Antowrt an guido(ätt)trictrac.net. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist Sonntag, 11. März 2012, 12.00 Uhr.

- Village heißt in Frankreich Descendance. Warum?

- Erste Vorschau.

Village ist ein Spiel von Inka und Markus Brand, illustriert von Dennis Lohausen

Erschienen bei Eggert Spiele

Für 2 bis 4 Dorfdynastien ab 12 Jahren

Preis: Rund 35 €



Kommentare (5)

  • Elektro

    Tolle Wurst, Guido, schon wieder ne sehr schöne Rezi für ein Spiel dass bereits auf meiner Watchliste steht. Auch hier muss ich nun wohl bald mal zuschlagen :)

  • Knolzus

    Sollte das reiner Zufall sein, oder ist der Grabspruch von Oma Elfriede eine Reminiszenz an ihren guten Freund den Briefträger Onkel Heini??? Vielleicht heißt Elfriede gar mit Nachnamen Piepenbrinck???

  • Monsieur Guido

    Wohl erkannt, lieber Knolzus. Bei mir findet der aufmerksame Leser mit wachem Verstand immer wieder verborgene Schätze :-) Grüße auch an Bauer Brömmelkamp.

  • manneken pis

    Wer hat gewonnen?

    Schönen Sonntag an alle!

  • Monsieur Guido

    Sag ich morgen! Ich hab noch Wochenende und bin krankgeschrieben, da rühr ich heute keinen Finger :-) Ich kann aber bereits verraten: Die Teilnehmerzahl war überwältigend.

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