Hase oder Pelikan


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Ich könnte euch jetzt etwas von der Hasenbucht erzählen. Das würde auch zum Verlag viel besser passen. Denn so geht es mir seit einem Telefonat mit Drei-Hasen-Chef Johann Rüttinger. Der erzählt bekanntlich sehr gerne und sehr ausgiebig. Unter anderem auch davon, dass eine Dame aus Taiwan auf dem Cover von Pelican Bay eben keinen Pelikan mit gelbem und nach links gewandtem Schnabel sah, sondern einen Hasen, der irgendwie irritiert nach oben rechts schaut. Aus dem gelben Schnabel werden dann Löffel und ich bekomme dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf.

Jacques Zeimet, der Autor aus Luxemburg, sei in Essen 2012 mitsamt Grafiker Rolf Vogt im Schlepptau an den Stand der Drei Hasen gekommen, erzählte Rüttinger. Und nach wenigen Minuten sei das Spiel ins zukünftige Programm aufgenommen worden. Machen wir also mal die Box mit dem Pelikanhasen auf und schauen uns das Spiel an.

Wahrscheinlich hatte jeder Spieleautor schon mal die Idee, ein Plättchenlegespiel mit Hexfeldern und drei verschiedenen Farben zu machen. In der Pelican Bay sind das Wasser, Wald und Sandstrand. Aus drei Sechsecken entsteht eine Start-Landschaft, die wir reihum um weitere Plättchen erweitern und dafür Punkte bekommen.


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Das klingt arg nach Carcassonne? Stimmt, jedes Legespiel muss sich damit schließlich messen. Aber nur am Anfang. Denn das Spielgefühl ist ein anderes.

Bin ich am Zug, darf ich eines oder zwei meiner beiden Hand-Plättchen anlegen, um damit eine Landschaft passend zu vergrößern. Allerdings muss ein neues Plättchen an mindestens zwei andere grenzen. Ausufernde Teilchen-Brücken wird es nicht geben. Nach dem Anlegen bekomme ich Punkte entsprechend der Größe. Schließe ich eine Landschaft ab, darf ich sie mit dem Pelikan eines Mitspielers markieren und gleich nochmals spielen. Oder auf den Kettenzug verzichten und zusätzlich das größte Gebiet werten, das ich durch den Abschluss erweitert habe. Pelikane wandern nach den Kettenzügen in den eigenen Besitz über und sind am Ende ein paar Punkte extra wert. Ist der Nachziehstapel aufgebraucht, läutet dies die finale Runde ein, in der die Spielreihenfolge gemäß der Siegpunkte geändert wird.

So viel zur Regel. Die ist übrigens nicht wirklich zugänglich. Nach dem ersten Durchlesen bleiben Verständnisfragen zurück und manche Formulierung ist etwas umständlich, auch wenn inhaltlich nichts fehlt. Man muss sie eben nur verstehen. Erneutes Lesen nach einer ersten Partie empfehle ich, dann wird einiges klarer, das schon vorher auf den Punkt gebracht hätte werden können.

Dann aber entblättert sich vor uns eine Denkaufgabe, die ziemlich fordernd ist: Natürlich lege ich möglichst immer an das größte Gebiet der Auslage an, um die Punkteausbeute zu maximieren. Aber das kann auch der nachfolgende Spieler tun – und kassiert womöglich noch mehr Punkte als ich. Also gilt es, lukrative Landschaften zu nutzen, sie aber so zu verbauen, dass die anderen keine Vorlage bekommen. Das Puzzeln der Plättchen macht da seinen ganz eigenen Reiz aus – auch wenn die Spieler anfangs die Sechsecke drehen und wenden, um sie passend auszurichten, lernen sie bald den besonderen Blick für die Komposition. Pelican Bay ist auch ein Suchspiel.

Und ist ein stilles Denkspiel. Es wird nicht diskutiert, nicht verhandelt und direkte Interaktion mit den anderen beschränkt sich auf lautes Zählen der Punkte oder Legetipps (wenn alle am Tisch ihre soziale Ader ausleben). Wie bei einem Computerprogramm verlangsamt allerdings im Laufe der Partie die Masse an zu verarbeitenden Optionen das Spieltempo. Anfangs wird noch flott gelegt, fünf Runden später geht die Grübelei los. Das muss man mögen. Zu viert ist mir Pelican Bay deshalb eindeutig zu lang, zu dritt geht es gerade so und erst im Duell zeigt es seine echten Stärken. Hier kann ich während des Zugs meines Mitspielers schon grob vorausplanen, bei vier Leuten am Tisch ändern sich die Anlegemöglichkeiten zu schnell. Pelican Bay wird taktisch gespielt, langfristige Pläne lassen sich nicht umsetzen. Ich muss mich entscheiden, wie ich meine Plättchen lege, wenn ich sie in der Hand habe.

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Kippfiguren: Schauen die Hasen nach links oder die Pelikane nach rechts?

Grafisch ist Pelican Bay eine echte Schönheitskönigin. Rolf Vogt, Ihr kennt ihn von Kakerlakenpoker, Mogel-Motte und noch vielen anderen Spielen bei den Drei Magiern, zaubert mit leuchtenden Farben eine lebendige Lagunenszenerie auf den Tisch. Die verschlungenen Landschaften überspielen sehr schön das Sechseckraster des Materials. Den hohen Aufforderungscharakter konnte ich erleben, als sich neulich mein sechsjähriger Sohnemann die Schachtel schnappte und die Plättchen zu fantasievollen Landschaften zusammenlegte, ohne jemals zu wissen, wie Pelican Bay eigentlich gespielt wird. Es reizte ihn zu seiner Art von Spiel.

Kommen wir erneut auf den Vergleich mit Carcassonne zurück. Während ich beim Wrede-Klassiker Städte, Klöster, Straßen und Wiesen lege und werte - was ja im Grunde vier verschiedene Legesysteme sind - baue ich in der Pelican Bay nur an drei Landschaftsfarben. Trotzdem grüble ich dort stellenweise mehr herum mehr, selbst wenn ich mich von beiden Spielen gleichermaßen gefordert fühle.

Während ich bei Carcassonne versuche, Städte und Strassen für mich zu bauen, sie abzuschließen, um meine Figuren zurück zu bekommen und mich sogar geschickt bei der Konkurrenz einschleichen kann, verlängern in der Pelican Bay alle wenn möglich das größte Gebiet und weichen nur auf das zweit- oder drittgrößte Gebiet aus, wenn sie durch ihre Plättchen dazu gezwungen werden.

Das Nachziehglück kann somit ziemlich stark die eigene Punkteausbeute versauen. Es kann jeden treffen, im guten wie im schlechten Sinn. Wenn ich nämlich ein Plättchen ziehe, mit dem ich ein großes Gebiet dicht machen kann, ärgern sich die anderen.

Ist Pelican Bay nun eine optische Täuschung wie der Hasenpelikan auf der Box? Ich sage: Ja. Nicht, weil es super aussähe und sich dahinter nur eine furchtbare Banalität breitmache; nein, das Spiel zeigt nach einigen Partien mehr Tiefgang als seichte Lagunengewässer. Sieht man über die – hoffentlich bald durch ein Online-FAQ ergänzte – steife Anleitung hinweg und spielt es nur im Notfall zu viert, dann erweist sich Pelican Bay als anspruchsvolles und unterhaltsames Legespiel mit leuchtenden Farben und gerade-noch-so-in-Ordnung-gehendem Glücksanteil.

Meine klare Empfehlung für spielende Pärchen. So wie Hase und Pelikan.

Pelican Bay ist ein Spiel von Jacques Zeimet, illustriert von Rolf Vogt

Erschienen bei Drei Hasen in der Abendsonne

Für 2 bis 4 Wasservögel ab 10 Jahren

Preis: Rund 23 €



Kommentare (4)

  • Dr00g86

    Volle Zustimmung. Gute Rezession, Guido!

  • Deny

    Da ich das Artwork mag und ich die drei Hasen eh sehr sympathisch finde wird dieses Unterhaltsame Spiel (trotz einiger Schwächen) gekauft. Auf der Spiele Offensive übrigens fünf euro günstiger :-)

    Danke für den netten Test :-)

  • Hans

    Danke für das sympathisch finden :)
    Um welche Schwächen geht es? Vielleicht kann ich was "ausbügeln" ...

    Hans

  • Deny

    Ich habs ja selbst noch nicht gespielt, aber laut dem Text sind es die fehlende Interaktion zwischen den Spielern. (Kommunikation ist nicht von Nöten) und die Spielanleitung :-)

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