Imhotep: Schaffe, schaffe, Pyramidle baue

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Es trifft die exakte Balance wie ein schmales Schilfboot auf dem überschwemmten Nil, schaukelt zwischen perfektem Zugang, plastischem Thema und spielerischem Tiefgang. Wenn es ein Spiel gibt, das mich in diesem Frühling bisher am meisten überraschte, dann war das Imhotep.

 

Imhotep, du wundersamer Altägypter, Baumeister vorantiker Wunderwerke, die heute noch Touristen mit Schmerbauch und Trekkingsandalen wie eine Heuschreckenplage heimgesucht werden, Power-Gelehrter im Dienste des Pharaos. Vor fast fünftausend Jahren warst du Rem Kohlhaas, Peter Eisenman und Zaha Hadid in Personalunion, wenn’s ums Bauen ging. Man sagte dir schon früh nach, Erfinder der Schrift und Universalgelehrter und dadurch so einfallsreich zu sein, dass selbst der dufte Leonard Da Vinci gegen dich wie ein zauselbärtiger Wilder anmutet. Und heute? Da musst du entweder in Familiengruselfilmen die Mumie mimen oder den geheimnisbeladenen Supermann der Vorzeit. Trotzdem: Die Faszination für dich ist geblieben seit dem steingewordenen Starschnitt deiner Selbst an der Wand vom Tempel in Karnak.

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Imhotep in Nürnberg 2016. Mit dem stets beliebten "Typ guckt auf Bauplan"-Cover.

In Imhotep, dem neusten Streich des Australiers Phil Walker-Harding, machen wir es dem Freund vom Nil gleich: Wir beladen Schiffe, schippern zu Baustellen und laden ab. Wer nun Bilder von „Asterix und Kleopatra“ im Kopf hat, wo kleine Männer mit witziger Frisur und Röckchen schwere Klötze tragen, der liegt genau richtig. 

Imhotep war Teil eines starten Jahrgangs des italienischen Autorenwettbewerb „Premio Archimede“ Anno 2010 hinter Aquileia (erinnert sich keiner mehr dran) und noch vor Cacao

 

Die Genialität am Spiel ist sicherlich seine Einfachheit, denn das Grundprinzip ist innerhalb einer Minute verständlich: Belade ein Schiff, hol dir neue Steine in deiner Farbe oder schiebe ein Schiff an eine Baustelle, ob abgeladen wird. Der taktische Tiefgang wird nun aber dadurch erzeugt, dass ich mich zunächst entscheiden muss, welche Aktion eigentlich in diesem Moment die beste ist. Und dann natürlich Feinheiten: wo will ich hin, wo kann ich mich dazugestellen, wann ist eine Pause für den Nachschub ideal, stelle ich mich vorne ins Boot oder eher hinten? 

Fährt ein Schiff einen Hafen an, werden die Steine einer nach dem anderen abgeladen und platziert. Je nach Bauwerk bringt das auf ganz verschiedene Arten Punkte. Die Pyramiden bringen direkt Punkte. Der Tempel am Ende jeder Runde - aber nur den Spielern, deren Steine man von oben sieht. Das gleicht also eher einer Mauer.  Obelisken und Grabkammer schließlich werden erst am Ende abgerechnet: Hier geht es um den höchsten bzw. zusammenhängende Flächen. Und auf dem Markt locken alternative Punktemöglichkeiten und Aktionskarten, die gut getimt sehr starke Doppelzüge erlauben.

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Imhotep zieht viel seines Reizes aus den wuchtigen, ein Kubikzentimeter großen Holzwürfeln, mit denen wir bauen. Sie geben materielles Feedback und liegen toll in der Hand. Hieraus errichten wir echte kleine, dreidimensionale Bauwerke - das zieht ins Thema trotz aller Abstraktheit. 

Jeder Zug lebt vom Abwägen der Möglichkeiten, dem Blick für gute Gelegenheiten und auch der Kunst, seine wahren architektonischen Motive zu verbergen. Natürlich kann ich versuchen, drei Steine auf ein Boot zu laden - aber mit Sicherheit wird dann ein Mitspieler es dorthin schippern, wo ich das Material weniger gut gebrauchen kann. Hier schlägt sie wieder zu, die Balance des schmalen Schilfboots: Setzen oder fahren, ähnliches erlebten wir bereits in Zooloretto.

Dabei bietet Imhotep auch genug Fülle für Kenner, die es kurz und intensiv mögen. Die Wahl der optimalen Aktion, die Einschätzung ob es lohnender ist, sich selbst besser aufzubauen oder den anderen in die Kanope zu spucken, fasziniert. Glück gibt es quasi gar nicht. Alle Informationen sind offen. Für Abwechslung sorgen doppelseitige Pläne mit einer direkteren A-Seite und einer komplexeren B-Seite.

 

Dem antiken Gelehrten Imhotep wird mit dem Spiel vielleicht kein Denkmal gesetzt, aber es ist ein Bauspiel, das seiner wirklich würdig ist.




Kommentare (1)

  • Elektro
    Imhotep hat mich auch absolut positiv überrascht, eine kleine Perle die man leider nur allzuschnell übersehen kann im Niemandszweistromland zwischen Nürnberg und Essen!
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