Kinderspiel des Jahres: Stone Age Junior

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Ich gebe zu, ich war überrascht. Als gestern früh irgendwann rund um 11 Uhr morgens das berühmte Schwarze Tuch der Kindespiele-Jury zu Boden glitt, hatte ich etwas anderes erwartet. Die Münchner von Hans im Glück hatten direkt beim zweiten Anlauf mit einem Kinderspiel ihre Klasse bewiesen: Stone Age Junior gewann den Preis für 2016. Autor Marco Teubner, eifrig-sympathisches Arbeitspferd in Sachen Kinderspiel, hatte es auch endlich geschafft.

Als Führungsspieler im deutschen Spielereporter-Kader will ich euch erzählen, wie der Trip nach Hamburg war. Das seid ihr schließlich seit Jahren gewohnt. 

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Zu 16. mal vergab die Jury Spiel des Jahres den kleinen blauen Pöppel. 16 Jahre Kinderspiel heißt auch, dass die Spieler der ersten Stunde inzwischen Erwachsen sind. Aber auch, dass das Kinderspiel schon Mofa fahren darf und heimlich Bier trinkt. Wer weiß, beim Branchenabend am Tag vor der Verleihung sah ich zumindest die ein oder andere Pils-Tulpe. 

Das war der Abend der schrägen Momente. Wenn Martin Klein mit Sonnenbrille aufkreuzt, die dann betont cool abnimmt und einen mit diesen grünen Augen anstarrt, die eigentlich seinem bösen Klon in den Videos gehören. Oder Reiner Knizia mit einem Stofftier in der Armbeuge "Guten Abend" wünscht, einer Art Lemur mit Frack und Schleife. Ein Kollege von Huhni, Rabi oder Lomschi

Je zwei Kinder der Klasse 2c der Grundschule Groß-Flottbek waren Paten der Spiele. Sie wurde der Reihe nach befragt, was ihnen an "ihrem" Spiel denn gut oder schlecht gefallen hätte. Dass man zusammen spielt, dass die Tiere so niedlich sind, dass die Regel so schwer verständlich ist... da hatte doch tatsächlich so ein kleiner Renegat seine Aussage aus der Generalprobe nochmal überdacht und war zu dem Entschluss gekommen, ein bisschen Mini-Rezensent zu spielen. Bei Hans im Glück musste in diesem Moment eiskalter Schweiß geflossen sein, denn es ging um den späteren Sieger. 

Und dann der große Augenblick: Sieg für die Steinzeit. Aufspringen. Umarmen. Völlige Leere im Kopf. Marco Teubner war von den Socken, wie er mir später erzählte. Auf die Frage, wie er sich nun fühle, kam statt einer echten Antwort nur der Versuch, die eigenen Gefühle festzuhalten. Der Moment ist irreal, großes Glück und der Geschmack des Erfolgs vermischen sich. Es ist das absolute Jetzt. Michael Fronia, der Redakteur hinter Stone Age Junior bestätigte dies: Weil er das Spiel bereits vor einem halben Jahr fertig hatte und schon wieder mit den nächsten Aufgaben betraut ist, fühlt es sich für ihn wie ein Echo an, wie der goldene Nachhall eines längst abgeschlossenen Projekts.

Es kam zu Stone Age Junior, weil das große Stone Age inzwischen zu einem etablierten Spiel im Programm bei Hans im Glück ist. Die Übersee-Partner von Z-Man Games und Filosofia hatten angeregt, zu diesem bei ihnen sehr beliebten Spiel auch eine Kinderversion zu entwickeln. Also rief Juniorchef Moritz Brunnhofer in Teubners Büro mit Blick auf die Zugspitze an und fragte nach. Na klar - auch wenn das Kernelement der eingesetzten Steinzeitarbeiter für Kinder etwas aufgeweicht werden musste. 

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Der freut sich

Die Jury lobt:

Wie die Menschen in der Steinzeit ihre Welt eroberten und gestalteten, stellt dieses Spiel sehr einprägsam, spannend und kindgerecht dar. Auf den Feldern des Spielplans bekommt man Rohstoffe, geht in den Tauschhandel oder baut Hütten – wofür man allerdings ganz bestimmte Materialien benötigt. Wohin man seine Figur bewegen darf, bestimmen verdeckt liegenden Plättchen am Spielfeldrand; die muss man erst einmal erkunden und sich dann merken, wo was liegt, um gezielt an seinem Dorf zu bauen: Wer als Erster drei Hütten errichtet hat, gewinnt. Ein anspruchsvolles „Kennerspiel“ für Kinder, das Planung und ein gutes Gedächtnis erfordert: Wer sich auf die taktischen Herausforderungen einlässt, wird mit einem reichhaltigen Spielerlebnis belohnt.

Sammeln, planen und bauen. Rohstoffmanagement, der clevere Einsatz von Figuren auf Aktionsfeldern und Aufbaustrategie – das sind normalerweise so gar keine Themen für Kinderspiele. Doch Autor Marco Teubner überträgt hier vorbildlich den Reiz des gleichnamigen Familienspiels in ein altersgerechtes Steinzeitabenteuer für jüngste Spieler. Dabei stellt er durch Memo-Elemente geschickt Chancengleichheit zwischen den Generationen her. So spielt das moderne Steinzeitkind gerne.

 

Ich selbst war mir fast sicher, dass es Leo machen würde. Als einziges hatte ich den Time Stories-Marsch zum Friseur mit Kindern gespielt, den Rest nur mit Erwachsenen. Das war vermutlich ein Fehler. Denn glauben wir den Erfahrungen der zuständigen Jurymitglieder, so kam Stone Age Junior deutlich besser bei der jungen Zielgruppe an. Zwar mag das Kinder-Worker-Placement planerisch komplexer sein, aber es holt sie immer wieder zurück. Wenn Leo muss zum Friseur gewonnen wird, dann sehen manche Kinder den Löwen als "geschafftes Rätsel" an. Es ist gelöst, der Langspielreiz ist weg.

Und vergessen wir nicht: Koop mag für Erwachsene, die in Job und vielleicht auch auf dem Fußballplatz ständig konkurrieren müssen, ein erholsamer Alternativweg sein, aber Kinder haben es gerne auch handfester und wollen sich messen. Gerade kleinen Jungs ist es schon wichtig, Erster zu sein. Erlebe ich hier im Haushalt auch. Da müssen sie schon genug kooperieren. Geister, Geister, SchatzsuchmeisterSchnappt Hubi! und Wer war's? waren bereits gute, kooperative Spiele. Leo und Mmm! waren beide die starken Koops des Jahrgangs und am Ende macht es das einzige reguläre Spiel. 

Drittens ist der Memo-Effekt bei Stone Age Junior geringer als bei Leo. Jedes Kinderzimmer hat ein Memory - also sagten sich die Kinder vielleicht auch mal "nicht schon wieder". 

 

Vergesst mir bitte nicht: Die drei Nominierten sind allesamt immer noch die Spitze des Jahrgangs. Und missachtet diese Nominierten nicht. Viel zu oft ist der Zweitplatzierte bereits der erste Verlierer. Insbesondere im Handel scheint man sich vor allem auf das Siegerspiel zu konzentrieren. Das ist extrem schade und rutscht auch ein wenig von der Zielsetzung weg, denn besonders bei den Kinderspielen ist eine breite Liste wichtiger als ein Einzeltitel. Kinder zwischen 4 und 7 entsprechen völlig unterschiedlichen Entwicklungsstufen, denen das Gesamtpaket mit empfohlenen und nominierten Spielen alles bieten kann. 

Stone Age Junior vermittelt Geschichte und verlässt dabei die kindliche Perspektive nicht. Es belohnt Planung, entgleitet aber nicht ins Strategische. Die Grafik erzählt kleine, niedliche Anekdoten. Hans im Glück hat alles richtig gemacht und wurde dafür belohnt. Wandeln sich die Münchner jetzt zum Allrounder? Wahrscheinlich nicht. Sie bleiben vor allem den Kennern treu - aber wenn sich eine gute Gelegenheit bietet, wird Moritz Brunnhofer sicherlich wieder zugreifen.

 

Schaut in die Gallerie:



Kommentare (1)

  • raccoon
    Danke sehr für den schönen Backstage-Bericht nebst lustiger Anekdoten. :)

    Zwei Bildeindrücke aus der KsdJ-Bildergalerie möchte ich noch ergänzen:

    http://www.spiel-des-jahres.de/sites/default/files/gallerien/2016_galerie_kisdj_061.jpg
    Den beiden Kids hätte ich am liebsten Denkblasen mit Text gebastelt (oder hatte der Mini-Rezensent und -Renegat da bereits seinen Einlauf erhalten? Moritz' genugtuendes Lächeln deutet zumindest auf angedrohten Süßigkeitenentzug hin - das hat wohl gesessen ^^).

    http://www.spiel-des-jahres.de/sites/default/files/gallerien/2016_galerie_kisdj_055.jpg
    Und diese Zusammenkunft von Süd- und Mitteleuropäern versinnbildlicht für mich dann doch die unterschiedlich gelebte Lockerheit, wie es uns die Nachbarn in Cannes vorleben und von der ich mir wünschte, dass sie bei uns ein klein wenig mehr Einzug hielte (es muss ja nicht gleich die Blue Jeans sein, doch keine Krawatte wäre ja schon mal ein Anfang, mit dem manche ja bereits ganz gut gefahren sind, ohne sich deshalb underdressed fühlen zu müssen).

    Lauter schöne Bilder und Impressionen, nächstes Jahr vermutlich mit einer anderen Schule und braveren Kindern, von Kerner persönlich gecastet >;p .
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