Leo bummel nicht

Guckt mal, das ist Leo. Leo hat ein Problem, das viele junge Löwen in seinem jungen Alter plagt: Die Haare sind zwar sauber, wachsen aber schneller, als man „Löwenmähnenbarbierstuhl“ brüllen kann. Also macht sich der Herr auf den gemütlichen Weg zum renommierten Coiffeur Bobo, dem Udo Walz des Dschungels. Was ihm dabei passiert, erinnert mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit:

 

Ich war vielleicht acht Jahre alt, als ich an einem schönen Nachmittag meinen Freund Sven besuchte. Sven wohnte am anderen Ende unseres kleinen Dorfes. Wie mit Mama abgemacht ging ich abends pünktlich von dort los, um um fünf Uhr zuhause zu sein. 

Auf etwa halber Strecke fand ich einen Haufen frisch geschnittener Zweige in einem Vorgarten. Frische, strichgerade Zweige der Haselnuss. Die ideale Gelegenheit, Material für den Bau eines neuen Bogens auszuwählen. Zehn Minuten später kam ich dann beim Laden von Frau Hummel vorbei (ja, die hieß so). Da strahlte mir vom Zeitungsständer her die neue Micky Maus entgegen. Es war nämlich Donnersduck. Ein kurzer Blick zur Orientierung, ob in Entenhausen auch alles in Ordnung ist - das musste einfach sein. Dann, kurz vor der letzten Kurve, schaute Frau Hauser zum Fenster raus. Frau Hauser war eine nette, ältere Bauersfrau, die ich sehr mochte. Natürlich blieb es nicht bloß bei einem „Hallo“, sondern ich erzählte, dass die Mama ein neues Kleid hat, wie es dem Papa geht und dass ich inzwischen sogar dreistellige Zahlen addieren kann. 

Ich kam fürchterlich spät nach Hause. Viel zu spät. Meine Mutter kochte in einer heißen Suppe aus Wut, Sorge und Erleichterung. 

 

Leo dem Löwen geht es ähnlich: Vor ihm liegt der Dschungelpfad und wir Spieler führen ihn gemeinsam zu Bobo. Unterwegs trifft er aber allerlei Freunde, bei denen er sich hier und da verquatscht. Leo verliert Zeit und Bobo macht um acht zu. Er geht zurück nach Hause, der Pfad wächst wieder zu, aber am nächsten Tag wissen wir, wo ablenkende Plaudertaschen warten und versuchen sie zu umgehen. Schaffen wir den Trip zum Friesenleger innerhalb von vier Tagen, gewinnen wir. Ansonsten spielen wir einfach nochmal.

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Leo der Löwe, ein Spiel von Leo Colovini und ein Cover, das dem „Strutting Leo di Caprio“-Meme gleicht (obwohl mir der Illustrator Michael Menzel glaubhaft versicherte, das gar nicht im Sinn gehabt zu haben - aber manchmal pfuscht das Unterbewusstsein in die Kreativität rein, sage ich). Und am Tisch mit mir mein mittlerer Sohn - der auch noch Leo heißt. 

So spielen wir Runde für Runde den Waldspaziergang zum Friseur nach. Die Mechanik ist einfach und genial: Es gibt für jede der fünf Farben je eine Karte mit Bewegungswert 1, 2, 3 und 4. Da alle Karten verteilt werden, wissen wir so grob, was die anderen haben könnten. Also sprechen wir uns ab, was gut wäre, um mit einer blauen Karte auf die blaue Löwin zu treffen, weil wir dann die 5 Stunden nicht verlieren. Zum eher maulfaulen Zebra kann man schon mal hin, die eine Stunde ist ok. Runde für Runde erschließen wir uns den Aufbau des Wegs, merken uns wo was liegt und optimieren unsere Schritte. Wir müssen reden, mitdenken und können sogar anhand der Plättchenrückseiten und der bereits offenen Felder irgendwo zwischen deduktivem Rückschluss und Wahrscheinlichkeitseinschätzung erahnen, welche Farbe weniger riskant ist. 

Zu zweit ist der Marsch einfacher, weil wir flexibler die Karten spielen können. Zu fünft hingegen merken sich einfach mehr Leute, wo was liegt. Hier kommt es schnell zur Arbeitsteilung - einer merkt sich die wertvollen Wegweiser (kosten keine Zeit), der andere die roten Plättchen und der dritte einfach alles in seiner Ecke des Pfads. 

 

Leo muss zum Friseur ist ein intelligentes, stimmungsvolles Spiel, das auch Erwachsenen Spaß macht. Da stimmt einfach alles. 

Im Team erleben wir den spannenden Gang zum Friseurstuhl und vermeiden gemeinsam, was uns aufhält. In seinen Grundzügen erinnert mich das Spiel entfernt an Hanabi und darum passt es wohl auch so gut ins Programm von Abacusspiele. Die Geschichte ist goldig und sympathisch - natürlich schwatzt Leo mit der Löwin besonders ausgiebig, bei diesem hübschen Schlafzimmerblick. Der Papagei hingegen redet wahrscheinlich eher selbst viel, Leo muss da lernen, sich zu lösen. Die Kinder gelangen zur Erkenntnis, dass es zwar höflich sein kann, mit vielen netten Leuten unterwegs zu schwätzen - aber man dadurch auch zu spät kommt. Also lieber auch mal nein sagen und zügig weitergehen, bei der Sache bleiben und dabei auch noch gut im Kopf behalten, wo vermeidbare Stolpersteine lauern.

Leo lernt pünktlich zu sein. Egal, ob Stöcke, Papagei oder Frau Hauser ihn ablenken.



Kommentare (1)

  • raccoon
    Das Spiel ist in der Tat richtig gelungen!

    Bei den Rückseiten-Grafiken muss man bei den Wald-Sorten manchmal etwas genauer hingucken, wenn man deduzieren möchte, doch das tut dem Spielspaß keinen Abbruch.
    Eine gewisse Ähnlichkeit mit Cartagena ist vom Spielfeldaufbau her zu erkennen: mal ebnet man sich durch ein Labyrinth den Weg in die rettende Schaluppe, mal kämpft man sich mit der Friseur-Machete den Weg durch den Dschungel zum Barbier von Reptilla. Mechanismen und Spielgefühl haben allerdings nichts gemein, Piraten hätten sich allenfalls zur Bartpflege auf den Dschungelpfad begeben.

    Einmal Storck Riesen bitte, Frau Lange. :D
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